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TikTok

Von der Spaß-App zur Polit-Plattform

PlayEine Person hält ihr Smartphone mit dem TikTok Logo in der Hand.
Die Macht von TikTok | Video verfügbar bis 14.02.2022 | Bild: dpa / Jens Kalaene

Am Anfang war "TikTok" nur eine Spaß-App für unter 24-Jährige. Eine Plattform für kurze Handyvideos, in denen Teenies zum Playback die Lippen bewegen oder im Kinderzimmer tanzen. Mittlerweile hat sich die rasant wachsende Kurzvideo-Social-Media-Plattform auch zur Polit-Plattform entwickelt. Hier schaffen es junge Menschen über Popkultur und unterhaltende Themen zu sprechen, aber das organisch mit politischen Botschaften zu vermengen. So entsteht ein ganz neues Gefühl von politischem Aktivismus.

Hunderte Millionen Follower gucken zu, wenn Charli d’Amelio in ihrem Kinderzimmer tanzt. Oder Lisa und Lena Playback singen. Etwa 800 Millionen aktive User weltweit. Die meisten zwischen 13 und 24. Das Versprechen: Jedes Video kann viral gehen – es muss nur unterhaltsam sein.

Wie politisch ist TikTok?

Dann kam die Tötung von George Floyd und die Black Lives Matter-Bewegung. Auf einmal wurde TikTok eine Plattform für kreativen Protest. Gegen Privilegien der Weißen und Unterdrückung der Schwarzen. Juan Carlos Medina Serrano, Datenwissenschaftler in München, hat die Rolle von TikTok bei den US-Wahlen und den Black Lives Matter-Protesten untersucht. "Diese Bewegung, die Black Lives Matter, ist so groß geworden und die junge Generation wollte sich auch äußern. Und sie haben TikTok als die beste Plattform befunden, wo sie ihre Gefühle mitteilen konnten," sagt er.

Große Gefühlsausbrüche aktuell auch in Russland. Dort nutzen junge Menschen TikTok, um für Nawalny und gegen Putin zu demonstrieren. "Politik funktioniert anders auf TikTok als auf anderen Plattformen. Die Nutzer, die User auf TikTok, sind selbst die Nachricht, sie teilen selten Videos oder Artikel aus anderen Quellen, sondern sie sind die Stars. Es ist sozusagen 'Politics as Entertainment'," so Serrano.

Zwischen Mode, Popkultur und Rassismus-Kritik

Larima Allison schaut in die Kamera.
Larima Allison engagiert sich gegen Rassismus auf TikTok. | Bild: Screenshot

Sie hat dieses Spiel verstanden: Larima Allison. TikTokerin aus Hamburg, 21 Jahre alt, 26.000 Follower. Mode, Popkultur und Rassismus-Kritik fließen auf ihrem Profil einfach zusammen. "Wenn man ein politisches Video posten will, dann darf es nicht trocken sein, theoretisch sein, dass man einfach nur etwas erzählt. Man muss wirklich für eine Diskussion anheizen und dann braucht man wirklich auch die Gegenstimmen. Man braucht die Gegenstimme und man muss darauf zielen: Ich bekomme jetzt Hate für das Video, weil nur dann wird das Video erfolgreich," so Allison.

Geht es um Politik, wird der Umgangston wohl auch auf TikTok langsam rauer. Allison teilt dort trotzdem ihre Rassismus-Erfahrungen. "Seitdem ich klein bin werde ich diskriminiert aufgrund meiner Hautfarbe. Das hat sich jetzt geändert. Jetzt ist es Trend. Ich finde es nicht in Ordnung, dass Hautfarben zum Trend gemacht werden. Es ist einfach übelst respektlos sich als Außenstehender über andere Kulturen lustig zu machen. Und der Hass gegen Menschen muslimischen Glaubens ist ein ernsthaftes Problem. Was auch schon Leben gekostet hat," sagt sie. "Ich glaube, wenn man eine Plattform hat, dann sollte man auch aufklären. Also egal wie viele Abonnenten man hat, man sollte die Fanbase und diese Views nutzen, um etwas Gutes zu tun."

Noch wenige Politker*innen auf TikTok

Martin Fuchs spricht in die Kamera.
Martin Fuchs ist Politikberater für digitale Kommunikation und Wahlbeobachter. | Bild: Screenshot

In Deutschland dreht sich politischer Aktivismus auf TikTok vor allem um Anti-Rassismus, Gendergerechtigkeit oder Klimaschutz. Und wie steht es um das Potenzial für deutsche Politiker*innen im Superwahljahr? Wer traut sich auf TikTok? Martin Fuchs ist Politikberater für digitale Kommunikation und Wahlbeobachter. "Wenn man sich anschaut, wie deutsche Politiker*innen das bisher nutzen, da würde ich sagen, noch sehr reserviert. Also da ist schon noch die Angst da, einer Skandalisierung. Man versteht die Algorithmen dahinter nicht, man versteht nicht, wie kreativ man das nutzen kann und sollte," so Fuchs.

Bisher sind nur etwa 80 deutsche Politiker*innen "aktiv" auf TikTok. "Wenn ich das Ziel habe, Erst- und Jungwähler zu erreichen, dann wäre es meine erste Plattform, auf der ich sein würde," sagt Fuchs. Die Macht von TikTok wächst. Nicht die Politiker*innen, sondern die Influencer*innen werden künftig die politischen Meinungsmacher für die Jugend. "Die Jugendlichen sind noch in diesem Prozess, ihre Meinung zu finden. Und wenn sie den ganzen Tag auf TikTok sind, dann ist das die Realität."

Potential birgt auch Gefahren

Bei allem Potential – TikTok birgt auch Gefahren. Rechte Demagogen, Mobbing, Fake-News: All das findet auch hier statt. Von Bedenken wegen des Datenschutzes und eines undurchsichtigen Algorithmus ganz abgesehen. Doch die Politisierung der früheren Spaß-Plattform ist inzwischen ein weltweiter Trend.

"Hätten wir die Social-Media-Plattformen nicht, dann wäre das mit George Floyd auch nicht so groß geworden. Dann wäre der ganze Aktivismus nicht so groß geworden. Weil er sich hauptsächlich online abgespielt hat und die Leute erst, nachdem er online stattgefunden hat, auf die Straßen gegangen sind, um noch mehr zu bewegen," meint Allison. Und genau das will sie auch weiterhin tun. Etwas bewegen!

(Beitrag: Torben Steenbuck, Kim Mauch)

Stand: 14.02.2021 18:20 Uhr

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Norddeutscher Rundfunk
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