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Liebe, Rausch und Herzenskälte

Florian Illies über die Bohème am Vorabend des Zweiten Weltkriegs

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Liebe, Rausch und Herzenskälte – Florian Illies über die Bohème | Video verfügbar bis 24.10.2022 | Bild: HR

Berlin war der Ort der Welt, an den die ganze Welt strömte

Paris 1929. Der junge Jean-Paul Sartre hat es endlich geschafft, sich mit Simone de Beauvoir zu verabreden.

"Sartre sitzt in einer Teestube in der Rue de Médicis und wartet vergeblich. Als er seinen Tee schon halb ausgetrunken hat, kommt eine junge blonde Frau auf ihn zugestürmt. Sie sei die Schwester von Simone, sagt sie, ihre Schwester könne heute leider nicht kommen. Da fragt Sartre: 'Aber wie haben Sie mich so schnell gefunden, inmitten all dieser Menschen hier?' 'Simone', erklärt sie, 'hat mir gesagt, Sie seien klein, trügen Brille und seien sehr hässlich.'"

"Eine der ganz großen, schönen Liebesgeschichten des 20. Jahrhunderts, die beginnt mit keiner Liebeserklärung, sondern einer Hässlichkeitserklärung", sagt Florian Illies.

Und so beginnt auch das neue Buch von Florian Illies, Autor von "1913"und "Generation Golf“. Er erzählt darin von berühmten Liebespaaren der Zwanziger- und Dreißigerjahre. Aus Briefen, Tagebüchern, Erinnerungen hat er eine europäische Gefühlsgeschichte geformt.

"Das war die Zeit der Feiern, des Drogenrausches, der amerikanischen Tänze, der Sechstagerennen", sagt der Schriftsteller. "Berlin war der Ort der Welt, an den die ganze Welt strömte, mit mehr Kinos, mehr Theatern, mehr Opern, mehr Zeitungen als irgendwo auf der Welt.“

Konventionen brechen da so schnell wie Herzen

Berlin, Hauptschauplatz des Buches. Mehr Einwohner als heute, libertärer Sehnsuchtsort – für Künstler, Freigeister, Schriftsteller, Homosexuelle.
Illies‘ Buch folgt einem kaum überblickbaren Reigen der Partnerwechsel, der befeuert wird von Drinks und Kokain. Konventionen brechen da so schnell wie Herzen. Einer, der beides konnte, war der große Bertold Brecht.

"Und das zieht wirklich eine Spur der Verwüstung durch Frauenherzen über diese zehn Jahre. Brecht heiratet Helene Weigel im Standesamt und fährt dann sofort zum Bahnhof, um seine Geliebte Carola Neher abzuholen und hat noch die Blumen von dem Standesamt in der Hand und schenkt sie seiner Geliebten, die feuert sie immerhin total genervt auf den Fußboden. Aber nicht nur. Sie ist dann todunglücklich, weil seine aktuelle Geliebte und Mitarbeiterin eben auch einen Selbstmordversuch macht, weil sie gedacht hat, Brecht würde sie heiraten am nächsten Tag. Also das ist wirklich verheerend", sagt Illies.

Häufig sind es aber die Männer, die überfordert sind: von den neuen Berliner Frauen. Erich Kästner schreibt seiner Mutti: Sie seien vor lauter Büroarbeit und Selbstbefriedigung und Selbständigkeit so unabhängig geworden, "dass sie Männer einfach nicht mehr brauchen können."

Alle sind hemmungslos der Gegenwart verfallen

Eine Zeit neuer Freiheiten, aber eben keine der heißen Herzenswallungen, sondern der rationalisierten Leidenschaft, so beschreibt es Illies. Liebe mit der Katastrophe im Rücken.

"Die haben so viel gesehen in diesen verheerenden Vernichtungsschlachten des Ersten Weltkriegs. Das schleppen sie alle mit und panzern sich. Das ist ein großer Kult um dieses Kühle und das um das Abgeschlossene, was in diesen 20er Jahren die ganzen Darstellungen von Männern eigentlich beherrscht. Ob wir Ernst Jünger sehen, der da gesagt hat: 'Wir brauchen eine Literatur unter Null'. Oder Bertolt Brecht, der sagt: 'Lobet die Kälte'. Also es ist ein ein richtiger Appell daran, sich abzukühlen, keine Affekte zu haben", erzählt der Schriftsteller. "Aber parallel wird diese Frage der Liebe eigentlich sehr reduziert zu einer Frage von Sexualität, zu einer Frage von ist das Herz ein Muskel sozusagen. Das ist kein Ort, wo die Romantik sitzt. Die Romantik ist wirklich vorbei.

Niemand hofft 1929 noch auf die Zukunft. Und niemand will an die Vergangenheit erinnert werden. Darum sind alle so hemmungslos der Gegenwart verfallen.
"Liebe in Zeiten des Hasses." Liebe auch im Angesicht der kommenden Katastrophe. Sie kündigt sich früh an für die Schwarze Tänzerin Josephine Baker.

"Wenn man sich das Eden Hotel vorstellt, da ist auf der Tanzfläche Billy Wilder der Eintänzer und oben gab es eine künstliche Minigolf Anlage, da spielten Charly Chaplin und Marlene Dietrich Minigolf", sagt Florian Illies. "Unten an der Bar saß immer Josephine Baker und hat noch Würstchen gegessen, bevor sie wieder einen ihrer großen Tanzauftritte hatte. Sie wurde bejubelt und an ihr sieht man aber, was schon vor 1933 kippt. Denn als sie dann ein zweites Mal nach Berlin kommen soll und auch kommt, da gibt es plötzlich schon sehr starke Proteste. Da gibt es starke nationalsozialistische Presse, die sagt: 'Wieso tanzt diese Schwarze neben unserer hübschen blonden Deutschen?' und 'Wieso tanzt diese Schwarze in einem Filmtheater, das Juden gehört?' Also Josephine Baker verlässt Berlin total verstört, angsterfüllt und kann gar nicht glauben, was passiert ist in dieser Stadt ihres größten Triumphs."

Die Zeit ab 1933 hat alles zerstört

Es geht dann ganz schnell: 1933 brennt der Reichstag. Die Machtergreifung Hitlers: Sie bedeutet auch ein Verstummen. Denn fast alle, die Berlin so spannend, so neu, so wichtig gemacht haben, müssen fliehen. Der Exodus schlägt eine Wunde – in der wir bis heute leben.

"Wenn man sieht, wie weit, wie frei diese Gesellschaft war in puncto Konventionen, in dem Verhältnis zwischen Männern und Frauen, in puncto Toleranz, zwischen Bisexualität, Homosexualität, Heterosexualität, der Gleichzeitigkeit, auch in Ehen. In welche enge konventionelle Welt wir dann nach dem Krieg gerutscht sind, das ist ein unglaublicher mentalitätsgeschichtlicher Bruch – was diese Zeit ab 1933 alles zerstört hat. Die hat Millionen Juden getötet und vertrieben aus dem Land. Aber sie hat eben auch eine der reichsten Kulturjahrzehnte, die es in Deutschland überhaupt je gab, zerstört", sagt der Schriftsteller.

Hier, am Anhalter Bahnhof, stiegen viele von ihnen in den Zug ins Exil, nach Paris, oder sonstwo. -- Später gingen von hier Transporte nach Theresienstadt.


Beitrag: David Gern

"Liebe in Zeiten des Hasses"von Florian Illies, 2021, 24 Euro.

Stand: 24.10.2021 20:00 Uhr

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Hessischer Rundfunk
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