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Wie Geschichten unsere Welt verändern können

Das Sachbuch zu unserer Zeit: "Erzählende Affen" von Samira El Ouassil und Friedemann Karig

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Wie Geschichten die Welt verändern – Das Buch „Erzählende Affen“ | Video verfügbar bis 24.10.2022 | Bild: HR

Ein großer evolutionärer Vorteil

Am Feuer beginnt diese Geschichte. Beginnt jede Geschichte. Am Feuer wurde der Mensch einst zu dem, was ihn ausmacht. Zum erzählenden Wesen.

"Um zu verstehen, inwiefern Geschichten ein wirkmächtiges Instrument der Menschheit waren, muss man begreifen, dass der Mensch Geschichten genutzt hat, nicht nur um sich zu unterhalten, um Affekte zu evozieren, sondern auch um Informationen zu verbreiten und früher – um das Lagerfeuer herum – wurden Geschichten genutzt, um überlebensnotwendige Informationen und Botschaften auf niedrigschwellige Art und Weise schnell zu multiplizieren", sagt Samira El Ouassil.

Wir Menschen sind: "Erzählende Affen“, so der Titel des Buches von Samira El Ouassil und Friedemann Karig. Die Fähigkeit, Geschichten erzählen zu können, unterscheidet den Menschen von der Tierwelt. Ein großer evolutionärer Vorteil. Durch das Erzählen von Geschichten trainierte der Mensch, wie er sich bei Gefahr verhalten muss.

"Diese Wunderwaffe unserer Evolution ist so tief in uns eingesickert, die ist quasi in unsere Genetik programmiert und durchzieht unsere gesamte Kultur, dass wir als Mensch heute gar nicht mehr nicht Geschichten erzählen können", sagt Friedemann Karig.

Wir suchen nach Geschichten, die uns zum Helden machen

Samira El Ouassil und Friedemann Karig beschreiben in ihrem Buch das Potential, Menschen mit Erzählungen zu bewegen, zu verändern. Rassismus, Geschlechterungerechtigkeit, Umweltverschmutzung. Vieles ließe sich durch Erzählungen lenken. Ein perfektes Instrument. Auch für Propaganda.

"Wir werden immer wieder verführt von den ewig gleichen Geschichten, die uns mittlerweile seit Jahrhunderten und Jahrtausenden den Blick verstellen, dass die wahren Ursachen für unsere Schicksale aller meistens in den Systemen liegen", sagt Karig. "Nur Systeme lassen sich viel schlechter erzählen als, ja, die individuelle Reise ins Glück."

Jeder ist seines Glückes Schmied, heißt es. Eine gefährliche Geschichte, in unserer optimierten Zeit – sie suggeriert: wer scheitert, ist selbst schuld. Wir suchen aber nach Geschichten, die uns zum Helden machen. Doch nicht alles lässt sich in einer so einfachen Erzählung fassen.

Der Kilmawandel als Geschichte der Desinformation

"Wenn sich jemand ein Problem hätte ausdenken müssen, das auf allen Ebenen maximal nicht mit uns verhakt, einrastet, dann ist es die Klimakrise in ihrer Abstraktion, in ihrer zeitlichen Undefiniertheit, in ihrer Größe und in ihrer Allumfassenheit", sagt El Ouassil.

Der Klimawandel kann nicht in Übereinstimmung gebracht werden mit unserer narrativen Art zu denken. Als Erzählung mit klarem Verlauf und Ende. Die Entstehung des Begriffs beschreiben El Ouassil und Karig als Geschichte der Desinformation.

"Das Wort Klimawandel, so harmlos es klingt, ist eine Erfindung der US-amerikanischen Republikaner, die versucht haben, dass die Vorstellung, das Konzept wir unseren eigenen Lebensraum zerstören, dass wir unsere eigene Atmosphäre erhitzen, bis der Planet brennt, in ein Wort zu gießen, was weniger bedrohlich klingt, quasi: natürlich. Ein Klimawandel und nicht eine Klima-Erhitzung oder Welt-Zerstörung", sagt Friedemann Karig. "Und das herkömmlichste Muster dieses narrativen Krieges ist immer das eine Seite versucht sinnvollen gesellschaftlichen Progress, Diskurs aufzuhalten, um am Status quo weiter verdienen und profitieren zu können."

Der Mensch hätte auch hier am liebsten eine klare Geschichte. Wer sind die Schuldigen, die jetzt gestoppt und wer die Helden, die herbeigerufen werden müssen? Wer trägt: Verantwortung? 

Erzählungen stützen Systeme

"Eine manipulative Erzählung ist der sogenannte CO2-Fußabdruck", sagt Karig. "Der ist eine Erfindung der Ölindustrie, um uns VerbraucherInnen zu suggerieren, wir wären diejenigen, die die Klimakrise aufhalten müssen. Wir wären also Heldinnen oder versagende Heldinnen in dieser großen Erzählung. Ja, wir haben ein übermenschliches Problem. Aber es ist ja menschengemacht und wir können es stoppen. Das stimmt nicht. Und wenn man diese Geschichte glaubt, dass es um den CO2-Fußabdruck jedes Einzelnen geht, dann geht man genau dieser manipulativen Erzählung auf den Leim und übersieht, dass die wahren Antagonisten in der Geschichte, also die wahren Bösewichter ist die Öl-Lobby und sind die Ölkonzerne und andere Unternehmen, die sehr viel Geld mit dieser Zerstörung des Klimas verdienen." 

Erzählungen stützen Systeme. Framing, das Setzen eines Bedeutungsrahmens, wird oft denen überlassen, die ihre Macht erhalten wollen. Dabei könnte man, so El Ouassil und Karig, die Klimakrise auch anders erzählen.

"Wir müssen viel stärker in den Fokus rücken und eindrücklich davon erzählen, was wir als Menschen, als Gesellschaft, als Eltern von Kindern und Kindeskindern gewinnen können. Und zwar nicht nur eine gewisse Stabilität und das Überleben unserer Spezies, sondern auch so etwas wie Banales, wie bessere Luft, saubere Flüsse, gesünderes Essen. Momentan steht sehr stark im Fokus, was schlechter werden könnte oder schlechter wird. Wir könnten aber auch davon erzählen, in welcher Welt wir eigentlich leben wollen und worüber wir uns freuen würden. In 20 oder 30 Jahren", sagt Friedemann Karig.

Einer guten, neuen Geschichte muss tatsächliches Handeln folgen

Die Welt soll davon besser werden, indem wir neue Erzählungen von ihr verbreiten? Ist das nicht naiv? Genau dieser Vorwurf des Naiven, sagen die beiden, sei eine weitere Erzählung der Mächtigen, um den Handlungswillen des Individuums zu bremsen.  

"Geschichten verändern natürlich Gesellschaften und verändern natürlich die Welt, weil sie die Art sind, nicht nur wie die Wirklichkeit interpretiert und wahrgenommen wird, sondern sie auch dafür sorgen, dass die Menschen, wenn sie eine Notwendigkeit sehen, sich zu mobilisieren, für eine Causa, für eine Veränderung in der Gesellschaft, einen Sinn dahinter sehen, der auf Grundlage der Geschichte angeboten wird", sagt Samira El Ouassil.

Solange sich die Erzählungen nicht ändern, ändert sich auch die Welt nicht. Warum das Framing, die Propaganda den Lobbyisten überlassen? Aber einer guten, neuen Geschichte muss tatsächliches Handeln folgen. Sonst bleibt alles nur Gerede. Eine hübsche Erzählung.



Bericht: Andreas Krieger

"Erzählende Affen" von Samira El Ouassil und Friedemann Karig, 2021, 25 Euro.

Stand: 24.10.2021 20:00 Uhr

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Hessischer Rundfunk
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