SENDETERMIN So., 02.02.20 | 23:05 Uhr | Das Erste

Spuren, die bleiben

Dokumentarfilm über die Angehörigen der NSU-Opfer

PlayDemonstration nach der Urteilsverkündung im NSU-Prozess
NSU-Opfer: Spuren, die bleiben | Video verfügbar bis 02.02.2021 | Bild: WDR / dpa

Es war eine der spektakulärsten Mordserien in der bundesdeutschen Geschichte: Zwischen September 2000 und April 2007 wurden zehn Menschen vom "Nationalsozialistischen Untergrund" (NSU) brutal getötet. Neun von ihnen waren Männer mittleren Alters mit türkischen bzw. griechischen Wurzeln. Sie hatten sich in Deutschland eine Existenz als Kleinunternehmer aufgebaut: Enver Şimşek, Abdurrahim Özüdoğru, Süleyman Taşköprü, Habil Kılıç, Mehmet Turgut, İsmail Yaşar, Theodoros Boulgarides, Mehmet Kubaşık, Halit Yozgat. Das zehnte Opfer war die junge deutsche Polizistin Michèle Kiesewetter.

Versagen der Ermittler

Spektakulär war auch das Versagen bei der Aufklärung der Fälle. Jahrelang ermittelten die Behörden im Umfeld der Opfer. Sie selbst, ihre Familien und Freunde standen unter Generalverdacht. Erst im November 2011 konnte nach einem gescheiterten Banküberfall die Verbindung zum rechtsextremen NSU hergestellt werden.

"Im Namen des Volkes"

Im Juli 2018 ging nach über fünf Jahren der Prozess gegen Beate Zschäpe, die einzige Überlebende des NSU-Trios, und vier ihrer Unterstützer zu Ende. Doch auch nach dem Urteilsspruch blieben viele drängende Fragen unbeantwortet, eine Last, die die Angehörigen der Opfer bis heute zu tragen haben.

Desillusionierung

Regisseurin Aysun Bademsoy
Regisseurin Aysun Bademsoy  | Bild: WDR

Wie so viele war auch die Dokumentarfilmerin Aysun Bademsoy von der Mordserie erschüttert. "Es hätte auch meinen Vater oder meine Brüder treffen können", sagt sie. 1960 im türkischen Mersin geboren, kam sie 1969 mit ihren Eltern nach Berlin. Die NSU-Morde seien nicht nur eine Tragödie für die betroffenen türkischen Familien gewesen, sondern auch für die Generation türkischer Migranten, die sich bewusst für Deutschland als Heimat entschieden hatten. "Wir waren Deutsche und hatten Vertrauen in diesen Staat." Dieses Vertrauen sei durch die Enthüllungen über die NSU-Morde zerstört worden. "Die Frage nach Ausländerfeindlichkeit, Rechtsextremen, Nazi-Tätern wurde vollkommen ausgeblendet." Dabei hatte es zu dem Zeitpunkt schon eine ganze Reihe von rassistisch motivierten Gewalttaten und Morden gegeben, u.a. in Mölln, Solingen, Hoyerswerda, Rostock-Lichtenhagen.

Opferperspektive

Aysun Bademsoy war an vielen Verhandlungstagen im Gerichtssaal. Sie war erstaunt und betroffen, wie stark sich die Öffentlichkeit auf Beate Zschäpe konzentrierte. Die Opfer spielten kaum eine Rolle. "Nicht nur dass ihre Familienangehörigen umgebracht wurden. Sie wurden selber auch jahrelang verfolgt, jahrelang stigmatisiert, jahrelang ausgegrenzt. Sie durften nicht trauern. Und das ist das Schlimmste, wenn man nicht einmal trauern kann."

Privatfoto von Enver Şimşek und seiner Familie
Privatfoto von Enver Şimşek und seiner Familie | Bild: Familie Şimşek

Überrascht und beeindruckt war sie von der Kraft, mit der die Familienangehörigen nach den vielen leidvollen Wochen, Monaten und Jahren die Aufklärung dieser Morde forderten. Umso größer war die Enttäuschung nach dem Ende des Prozesses, der die Verantwortung der Behörden weitgehend ausgeblendet hatte. "Ich wollte einen Film machen über etwas, das nicht vergessen gehört und was auch – ich verstehe mich auch als Deutsche – unsere Geschichte in Deutschland beeindruckt", sagt sie. "Wir werden darüber noch oft reden. Wir sehen ja, was in Kassel passiert ist, wir sehen, was in Halle passiert ist. Es ist ja noch nicht vorbei."

Den Angehörigen eine Stimme geben

Elif Kubaşık, die Ehefrau des in Dortmund ermordeten Kioskbesitzers Mehmet Kubaşık
Elif Kubaşık, Witwe von Mehmet Kubaşık | Bild: WDR

Ihre Dokumentation "Spuren" ist ein sehr persönlicher Film. Bademsoy hört den Angehörigen zu, gibt ihnen Raum, über ihre Erfahrungen zu sprechen. Ihr Film beleuchtet die Spuren, die die Taten, aber auch die mangelnde Aufklärung in ihrem Leben hinterlassen haben. Und nicht nur bei den Familienmitgliedern, sondern auch in den migrantischen Gemeinschaften und in der gesamten deutschen Gesellschaft. "Wir hatten und haben als ganze Gesellschaft etwas gutzumachen", sagt sie und fragt, ob nach dem Ermittlungsdesaster überhaupt wieder ein Gefühl von Sicherheit entstehen kann. Der Schmerz der Angehörigen wird nicht vergehen. Elif Kubaşık, die Ehefrau des in Dortmund ermordeten Kioskbesitzers Mehmet Kubaşık: "Man sagt, die Zeit heilt alle Wunden. Das stimmt nicht. Der Schmerz bleibt in mir."

Der Film "Spuren. Die Opfer des NSU" kommt am 13. Februar ins Kino.

Autor des TV-Beitrags: Joachim Gaertner

Stand: 02.02.2020 17:43 Uhr

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