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"Geschichte sichtbar machen"

Fotos aus dem NS-Vernichtungslager Sobibor

PlayDas Lagertor von Sobibor im Frühjahr 1943
"Geschichte sichtbar machen" - NS-Vernichtungslager Sobibor | Video verfügbar bis 02.02.2021 | Bild: dpa

Vom KZ Auschwitz, das vor 75 Jahren befreit wurde, gibt es Fotos und Filmaufnahmen. Es sind Bilder aus der Hölle. Sie dokumentieren das Grauen des Holocaust. Doch Auschwitz-Birkenau war nicht das einzige Todeslager. Im Rahmen der "Aktion Reinhard", wie die Nationalsozialisten die systematische Ermordung von Juden, Sinti und Roma nannten, errichteten sie Vernichtungslager in Sobibor, Treblinka und Belzec. Allein in Sobibor kamen zwischen 1942 und 1943 mehr als 180.000 Menschen gewaltsam ums Leben.

Wie das Lager Sobibor aussah, konnte bisher nur aus Erzählungen rekonstruiert werden. Anfang 1942 erbaut, wurde es nach einem Aufstand der Gefangenen im Oktober 1943 dem Erdboden gleichgemacht. Auf dem Gelände ließen die Nazis einen unverdächtig aussehenden Bauernhof errichten, um alle Spuren des Massenmordes zu verwischen.

Martin Cüppers
Martin Cüppers | Bild: WDR

Jetzt sind 49 authentische Fotos aus Sobibor aufgetaucht. Sie stammen aus dem Privatbesitz des stellvertretenden Lagerkommandanten und SS-Untersturmführers Johann Niemann. Am vergangenen Dienstag wurden sie in der Stiftung Topographie des Terrors in Berlin vorgestellt. ttt hat mit Jetje Manheim, deren Großeltern in Sobibor ermordet wurden, und dem Historiker Martin Cüppers, Mitautor des Bandes "Fotos aus Sobibor", gesprochen.

Beklemmende Zeugnisse

Johann Niemann, ein Malergeselle aus Ostfriesland, machte in der SS eine steile Karriere. Er war zwischen 1934 und 1941 in den Konzentrationslagern Esterwegen und Sachsenhausen eingesetzt und beteiligte sich am NS-Euthanasieprogramm. Ab 1942 gehörte er zur "Aktion Reinhard".

Sein Familienleben, aber auch seine Einsatzorte und sein berufliches Fortkommen hielt er auf Fotografien fest. Nachdem er während des Aufstands im Oktober 1943 getötet worden war, gelangten zwei Fotoalben in den Besitz seiner Witwe. Nachfahren stellten sie 2015 einer Gruppe von Historikern zur Verfügung, die sie auswerteten und ihre Veröffentlichung vorbereiteten. Mittlerweile wurden die Fotografien dem Archiv des United States Holocaust Memorial Museums in Washington übergeben.

Johann Niemann in Sobibor
Johann Niemann in Sobibor | Bild: WDR

Bei den Fotos aus Sobibor fällt auf, dass sie private Szenen zeigen: Johann Niemann hoch zu Ross, von unten aufgenommen wie eine Heldenfigur. Wachmänner beim Trinken, Feiern, Musizieren. Die Opfer sind kaum im Bild – und wenn, dann nur als zufällig aufgenommene Randfiguren. Dennoch vermitteln die Fotos einen Eindruck von den Gegebenheiten und dem Alltag im Lager. "Für mich als Historiker war das tatsächlich kaum fassbar, was auf diesen ersten Motiven, die ich gesehen habe, zu sehen war", sagt Martin Cüppers. "Auf einmal sehen Sie Überblicksfotos zu diesem Vernichtungslager der Nationalsozialisten, zu dem vorher kaum was Relevantes an visueller Überlieferung existiert hat."  

"Ich fühlte die Geschichte"

Jetje Manheim
Jetje Manheim | Bild: WDR

Bewegt und tief betroffen sind vor allem die Angehörigen und Nachfahren der Opfer, die in Sobibor ermordet wurden. "Jetzt zu sehen, wie es ausgesehen hatte, damals, das war eine atemberaubende Erfahrung für mich", so Jetje Manheim, "denn alle Leute, aber auch meine Großeltern haben das gesehen, als sie dort ankamen. Ich finde es schwer zu sagen, was für ein Gefühl das für mich war, aber ich fühlte die Geschichte, vielleicht soll ich es so sagen… Es ist wichtig, die Geschichte sichtbar zu machen."

Martin Cüppers erhofft sich auch eine Veränderung in der öffentlichen Wahrnehmung, in der die "Aktion Reinhard" in ihrer ganzen Dimension bisher zu wenig Beachtung fand: "Vielleicht ist das auch ein günstiger Umstand, dass wir durch eine solche Fotoüberlieferung letztlich auch realisieren können, was den Holocaust wirklich ausgemacht hat. Es sind die Vernichtungslager der Nationalsozialisten und eben nicht nur Auschwitz-Birkenau, und es sind zahlreiche andere Tatorte, die in unserer öffentlichen Wahrnehmung heute vielleicht noch gar nicht so eine Rolle spielen."

Autor des TV-Beitrags: Martin Rosenbach

Fotos aus Sobibor.
Die Niemann-Sammlung zu Holocaust und Nationalsozialismus
Herausgegeben von: Bildungswerk Stanislaw Hantz e.V.; Forschungsstelle Ludwigsburg der Universität Stuttgart
Mitarbeit: Martin Cüppers, Annett Gerhardt, Karin Graf, Steffen Hänschen, Andreas Kahrs, Anne Lepper
Metropol Verlag 2020, Preis: 29 Euro

Stand: 03.02.2020 09:02 Uhr

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