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"Looking at the Stars"

Ballettschule für blinde Ballerinen

PlayDie Ballerina Geyza Pereira tanzt in den Straßen von São Paulo
"Looking at the Stars" - Ballettschule für blinde Ballerinen | Video verfügbar bis 02.02.2021 | Bild: W-Film

Mitten in São Paulo, der größten Stadt Brasiliens, liegt Fernanda Bianchinis Ballettschule. Sie ist weltweit die einzige Einrichtung ihrer Art: eine Schule, in der Blinde und Sehbehinderte klassischen Tanz lernen. Fernanda Bianchini hat die "Association of Ballet and Art for Blind People“ (AFB) 1995 gegründet und in den vergangenen Jahren rund 500 junge Menschen ausgebildet.

Schon vor fünf Jahren hat der brasilianische Regisseur Alexandre Peralta einen Kurzfilm über die Schule gedreht und damit 2015 bei den Student Academy Awards den Studenten-Oscar gewonnen. Aus der Kurzfassung ist sein erster langer Dokumentarfilm entstanden. "Das Projekt wurde immer größer und die Geschichten, auf die wir während unserer Arbeit stießen, verlangten plötzlich mehr Raum, mehr Zeit und mehr Bilder", sagt er. Am 13. Februar kommt "Looking at the Stars" in die Kinos.

Zu den Sternen aufschauen

Junge Tänzerinnen beim Training
Beim Training | Bild: W-Film

Wie lernt man Schritte und Bewegungen, wenn man sich nicht kontrollieren und korrigieren kann? Wie studiert man Pirouetten ein, ohne einen Fixpunkt zu haben? Das Geheimnis von Fernanda Bianchinis Schule ist ihre Unterrichtsmethode: das Erlernen des Tanzes durch direkten physischen Kontakt, durch Berührung und Wiederholung der Bewegung. "Wenn man in eine reguläre Ballettklasse geht, ist da der große Spiegel", sagt Alexandre Peralta, "die Schüler stehen davor, und alle sehen auf den Spiegel und versuchen, die Bewegungen des Lehrers nachzumachen. Im Fall dieser Schule ist es ganz anders. Man muss von Schüler zu Schüler gehen und ihnen zeigen, was sie zu tun haben und ihre Arme in Position bringen. Alles basiert auf Berührung."

So bekommen die Schülerinnen und Schüler ein Gefühl für den Raum, auch wenn sie ihn nicht sehen. Sie gewinnen Selbstvertrauen, Mut und Unabhängigkeit – Fähigkeiten, die sie stärken und ihnen auch in ihrem Alltag weiterhelfen. "Eine Ballerina muss immer zu den Sternen aufschauen, auch wenn sie sie nicht sehen kann", gibt Fernanda Bianchini ihnen mit auf den Weg.

Ein sicherer Hafen

Thalia (links) und ihre Lehrerin Geyza
Thalia (links) und ihre Lehrerin Geyza | Bild: W-Film

Im Mittelpunkt des Films stehen Geyza und Thalia. Geyza erblindete mit neun Jahren infolge einer Meningitis. Nach ihrer Ausbildung bei Fernanda Bianchini ist sie heute Primaballerina und unterrichtet selbst an der AFB. Wenn sie tanzt, merkt man ihr nicht an, wie unsicher sie sich oft im Alltag fühlt. "Geyza ist ein Naturtalent, der geborene Star. Sie ist für die Bühne geboren – und für die Kamera", schwärmt Regisseur Alexandre Peralta. "Da gibt es etwas an ihr, was ich nicht erklären kann. Es ist ihre Präsenz. Sie ist die ganze Zeit Ballerina. Ihre Pose, ihr Verhalten oder wie sie spricht."

Für Geyza war und ist die Ballettschule ein sicherer Hafen, ein Ort, an dem sie sich schon immer frei und ungehindert bewegen konnte. Ihr Wissen gibt sie an Thalia weiter. Wie so viele andere Jugendliche mit Handicap erfährt die 14-Jährige in ihrem Alltag nur wenig Unterstützung. Außerhalb der Ballettschule wird sie gemobbt und ausgegrenzt. Der Tanz stärkt ihr Selbstbewusstsein und gibt ihr die Kraft, trotz aller Widerstände an ihren Träumen festzuhalten.

Licht und Schatten

Alexandre Peralta zeigt in seinem Film das Leben der blinden Tänzerinnen in seiner ganzen Komplexität: die Schwierigkeiten, mit denen sie Tag für Tag zu kämpfen haben, die Vorurteile, denen sie begegnen. In der Großstadt São Paulo fehlen Beratungsstellen und soziale Einrichtungen, die den Alltag erleichtern könnten.

Eine erwachsene und eine junge Ballerina auf der Bühne
Der Traum von der Bühne | Bild: W-Film

Da bewirkt Fernanda Bianchinis Engagement wahre Wunder. Das Ensemble feiert auf der Bühne Triumphe. Die Schule boomt, und sie scheint unantastbar, gerade jetzt, wo der brasilianischen Kulturszene unter dem nationalistischen Präsidenten Jair Bolsonaro drastische Einschnitte drohen.

"Looking at the Stars" ist ein bewegender Film, der Mut macht zu Aufbruch und Veränderung. "Der Traum von Geyza und Thalia ließ unser Team genau die Leidenschaft sehen, die so viel Freude in das alltägliche Leben bringt", sagt Alexandre Peralta. "Und wir haben gelernt, dass ihre größten Herausforderungen weit über das Offensichtliche, nämlich ihre Blindheit, hinausgehen."

Autor des TV-Beitrags: Christof Boy

Stand: 03.02.2020 08:59 Uhr

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Produktion

Westdeutscher Rundfunk
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