SENDETERMIN So., 03.05.20 | 23:05 Uhr | WDR Fernsehen

Milo Rau, ein Mann mit Mission

Theater für eine gerechtere Welt

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Milo Rau, ein Mann mit Mission | Video verfügbar bis 03.05.2021 | Bild: WDR

Milo Rau, preisgekrönter Regisseur und Aktivist, ist bekannt für sein politisch engagiertes und hoch emotionales Dokumentartheater. Die Verbindung von Kunst und Systemkritik, von fiktionalen Spielszenen mit Dokumentarmaterial ist charakteristisch für seine Arbeit. Er schaut dorthin, wo andere den Blick abwenden, dorthin, wo es wehtut. 

Die Welt verändern

Milo Rau bei den Dreharbeiten zur Abendmahlsszene im "Neuen Evangelium"
Milo Rau bei den Dreharbeiten zu "Das Neue Evangelium" | Bild: Armin Smailovic

In seinem Film "Kongo Tribunal" hat er den Minen-Ausbeutern im globalen Rohstoffkrieg den Prozess gemacht, mit "Hate Radio" ein Kapitel des Völkermordes in Ruanda nachgestellt und in den "Moskauer Prozessen" Pussy Riot noch einmal vor Gericht gebracht. Im vergangenen Jahr inszenierte er im italienischen Matera, der europäischen Kulturhauptstadt 2019, die Passion Christi als Appell und Provokation. Sein "Neues Evangelium" drehte er mit Flüchtlingen, Aktivisten und Bauern. Der Theatermacher will die Welt nicht abbilden, sondern verändern.

Das Genter Manifest

Wie das gehen kann, hat er 2018 als Intendant des Nationaltheaters Gent in einem Manifest formuliert. "Nicht die Darstellung des Realen ist das Ziel, sondern dass die Darstellung selbst real wird", lautet die erste Regel. Das Genter Manifest ist Verpflichtung und Versprechen zugleich. Pro Spielzeit muss eine Produktion in einem Krisen- oder Kriegsgebiet stattfinden. "Europa war ziemlich lange am Drücker", sagt Milo Rau, "und ich glaube, es ist nicht wirklich gut gelaufen. Das muss man objektiv sagen, so ein paar Jahrzehnte vor dem Weltuntergang. Ich glaube, es ist Zeit einzuhalten und anderen zuzuhören."

"Antigone im Amazonas"

Proben im Amazonas-Gebiet
Bei der Probe zu "Antigone im Amazonas" | Bild: Milo Rau

Anfang März 2020 reiste er ins brasilianische Amazonas-Gebiet, um mit Indigenen "Antigone im Amazonas" zu proben. Das Stück thematisiert das Aufeinanderprallen zweier Welten: der kapitalistischen Zivilisation mit der traditionellen Weisheit der Indigenen. Es geht um den Kampf des brasilianischen Präsidenten Bolsonaro gegen die indigenen Stämme, des globalen Agrobusiness gegen die Landlosen, deren Lebensgrundlage durch die Abholzung des Regenwaldes zerstört wird. "Bolsonaro kam an die Macht mit dem Wahlkampfversprechen, dass er die Überflüssigen loswird, dass Brasilien zur ersten Industrienation der Erde wird", sagt Milo Rau. "Er hat ganz direkt den Indigenen den Kampf angesagt." Da er sie wegen verfassungsrechtlicher Garantien nicht einfach vertreiben kann, muss er andere Wege gehen. "Jetzt durch Corona hat er fast schon die Chance, sie quasi auszulöschen."

Abschottung Europas

Als Covid-19 Brasilien erreichte, musste Milo Rau sein Projekt unterbrechen. Mittlerweile ist er zurück in Europa. Die Pandemie wirkt wie ein Brennglas, sagt er. Sie lässt Ideologien noch deutlicher hervortreten - nicht nur in Brasilien, sondern auch bei uns 

"Die Europäische Union hält plötzlich ganz stark zusammen, wenn es darum geht, die Grenzkontrollen zu verschärfen und die Lager zu schließen. Da funktioniert die EU hervorragend. Da kommt sofort die Kommissionspräsident Ursula von der Leyen geflogen und macht alles klar, dass kein Flüchtling reinkommt. Gleichzeitig holen wir Hunderttausende, insgesamt in Europa mehrere Millionen Menschen zurück, was ja seuchentechnisch komplett absurd ist."

Solidarität, die nur auf Nationalstaaten beschränkt ist? Für Milo Rau ein Widerspruch in sich. Die Verbreitung des Virus wird vor allem den globalen Süden treffen, während die westliche Elite "Social Distancing" betreibt und darüber sinniert, wie der Konsum möglichst schnell wieder anzukurbeln ist.

Theater und Utopie

Und doch könnte Corona auch Chancen bieten: "Das Theater kann quasi parallel zur kapitalistischen Ausbeutung Formen der Solidarität, der Gemeinsamkeit schaffen. Man kann tatsächlich zivilgesellschaftliche Lösungen finden, zuerst symbolisch, dann vielleicht in größeren Zusammenhängen, die innerhalb des normalen politischen Systems, das einfach auf Erhalt der Zustände aus ist, nicht möglich sind. Normalerweise braucht man Krisen wie Corona, dass unsere Gesellschaft quasi in einen theatralen Zustand kommt."

Auf einmal ist vieles denkbar, was vorher unmöglich schien: die Regulierung des Asylverfahrens, das bedingungslose Grundeinkommen, die Verstaatlichung von Konzernen, der Stillstand der hypermobilen Gesellschaft.

"Utopie heißt ja, dass das, was man sich immer erträumt hat, aber für unmöglich und traumhaft erachtete, plötzlich real aufleuchtet. Dass man plötzlich die goldene Stadt auf dem Hügel sieht und denkt: 'Ah, endlich. Da ist sie ja!' Ich glaube, dass wir in einigen Momenten in dieser Corona-Zeit tatsächlich diese goldene Stadt aufleuchten sehen."

Autorin des TV-Beitrags: Cordula Echterhoff

Stand: 04.05.2020 09:04 Uhr

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