SENDETERMIN So., 05.12.21 | 23:05 Uhr | Das Erste

Poetik des Widerstands

Arundhati Roys Kampfschrift "Azadi heißt Freiheit"

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Arundhati Roys Kampfschrift "Azadi heißt Freiheit" | Video verfügbar bis 05.12.2022 | Bild: WDR

Arundhati Roy ist eine der engagiertesten Frauen der Welt. Jetzt hat sie ein Manifest für die Zeit nach der Pandemie geschrieben. "Azadi heißt Freiheit" versammelt Essays der indischen Autorin, die mit ihrem 1997 erschienenen Debütroman "Der Gott der kleinen Dinge" einen Welterfolg landete und seither zu einer herausragenden Stimme ihres Heimatlandes wurde. ttt hat die Booker-Preisträgerin, Globalisierungskritikerin und politische Aktivistin in Neu Delhi getroffen.

Sprachrohr der Ausgegrenzten

1961 geboren und in Südindien aufgewachsen, lebt Arundhati Roy seit ihrem 16. Lebensjahr in Neu Dehli. Ihren großen Erfolg mit ihrem ersten Roman nutzte sie, um auf ihre politischen Anliegen aufmerksam zu machen. Seit Jahren kämpft sie gegen die Missstände in Indien, prangert Nationalismus, Ausbeutung, Überwachung und die weltweite Umweltzerstörung an. "Es passierten so viele Dinge, über die einfach nicht in der Art und Weise geschrieben wurde, wie ich es für richtig halten würde", sagt sie, "etwa der Bau riesiger Staudämme, die Entwaldung oder die Privatisierungen von Infrastruktur – alles Dinge, die das Leben der Menschen direkt betreffen. Es braucht dafür jemanden, der die Geschichten so schreibt, dass Menschen sie verstehen können."

"Talisman der Demokratie"

Dieser jemand will sie sein, ein Sprachrohr der Ausgegrenzten, der Schwachen und Vergessenen. Unermüdlich benennt sie Ungerechtigkeiten und Widersprüche, mal mit drastischen, mal mit poetischen Worten, immer aber präzise und schonungslos. Dafür wird sie vom Regime angefeindet, auch wenn das internationale Renommee sie vor Verfolgung schützt: "Mich lassen sie reden, ich bin eine Art Talisman der Demokratie. Ich werde benutzt: 'Guckt nur! Sie darf sprechen, also müssen wir eine Demokratie sein.' Aber alle anderen sind eingesperrt."

"Inbegriff des Faschismus"

Der indische Premierminister Narendra Modi
Der indische Premierminister Narendra Modi | Bild: Reuters

Ihr Hauptgegner ist der seit 2014 amtierende indische Premierminister Narendra Modi, ein hindu-nationalistischer Hardliner aus der radikalen RSS-Organisation, der offen gegen Muslime hetzt und das multiethnische Land in einen illiberalen Hindustaat transformiert. "Modi ist der Inbegriff dessen, was wir heute Faschismus nennen müssen, denn er agiert als Teil eines faschistischen Unternehmens. RSS-Leute sind in jede Institution der indischen Demokratie eingedrungen. Indien entwickelt sich buchstäblich zu einer Ein-Parteien-Autokratie."

Pandemie als "Pforte zwischen zwei Welten

Dramatisch war Modis Versagen auch in der Corona-Krise, als die Krankenhäuser in Indien überfüllt waren und es für die Schwerkranken weder ausreichend Sauerstoff noch Beatmungsgeräte gab. Noch im Frühjahr 2020 hatte Arundhati Roy über die Pandemie geschrieben, sie könne ein "Portal" sein, eine "Pforte zwischen einer Welt und der nächsten. Wir können wählen, ob wir hindurchgehen und die Kadaver unserer Vorurteile und unseres Hasses, unserer Habgier, unserer Datenbanken und toten Ideen, unserer toten Flüsse und des rauchigen Himmels mit uns mitschleppen wollen. Oder wir können leicht und mit wenig Gepäck durch sie hindurch gehen, bereit, uns eine andere Welt vorzustellen. Und bereit, für sie zu kämpfen."

Heute, anderthalb Jahre später, ist sie skeptisch, dass wir die richtigen Schlussfolgerungen ziehen und den Weg der Freiheit wählen. Aufgeben aber will sie nicht. "Ich bin verzweifelt, ich habe schwere Tage, an denen ich hoffnungslos aufwache, an denen ich das Gefühl habe, sieben Jahre lang nicht geschlafen zu haben. Aber der Punkt ist, egal wie effektiv oder ineffektiv es ist, es ist alles, was wir haben, und deshalb halten wir dagegen, in Schönheit, in Leidenschaft und mit unserer Kunst. Was immer geschieht, wir werden nie auf ihrer Seite sein."

Buchtipp

Arundhati Roy: Azadi heißt Freiheit.
S. Fischer Verlag 2021, Preis: 24 Euro

Autor:innen des TV-Beitrags: Claudia Kuhland und Oliver Feldforth

Die komplette Sendung steht am 5. Dezember ab 20 Uhr zum Abruf in der Mediathek bereit.

Stand: 05.12.2021 18:44 Uhr

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