SENDETERMIN So., 05.12.21 | 23:05 Uhr | Das Erste

Parabel auf eine fragile Demokratie

Der Dokumentarfilm "Die Zähmung der Bäume"

PlayDie Zähmung der Bäume
Dokumentarfilm "Die Zähmung der Bäume": Parabel auf eine fragile Demokratie | Video verfügbar bis 05.12.2022 | Bild: Mira Film

Es ist eine bizarre Migrationsgeschichte. Jahrhunderte alte Bäume reisen über Land und Wasser, um in einem Privatgarten neu eingepflanzt zu werden. Auftraggeber ist der wohl reichste Mann Georgiens: Bidsina Iwanischwili, Milliardär, Politiker und ehemaliger Premierminister des Landes. Die georgische Regisseurin Salomé Jashi hat die Umsiedelung mit ihrem Team zwei Jahre lang begleitet. Ihr bildstarker Dokumentarfilm "Die Zähmung der Bäume feierte auf der Berlinale seine Deutschlandpremiere und kommt am 2. Dezember in die Kinos. ttt hat mit Salomé Jashi in Tiflis gesprochen.

Reise in eine surreale Welt

Iwanischwilis Name wird in dem Film kein einziges Mal genannt. Und doch ist er der Mann, der hinter dem wahnwitzigen Unternehmen steht. 2017 gründete er an der georgischen Schwarzmeerküste den "Dendrologischen Park Shekvetili". Auf einer Fläche von 60 Hektar wachsen Tausende Arten einheimischer und exotischer Pflanzen. Es ist die Verwirklichung seines Traums vom Garten Eden auf Erden.

Ein Teil des Parks ist den endemischen Bäumen gewidmet, darunter Zypressen, Magnolien, Zedern, Eichen, Ahorn und Eukalyptus. Sie kommen aus allen Teilen des Landes. Und genau darin liegt das Problem. Majestätische Bäume werden an ihrem Heimatort ausgegraben, über viele Kilometer transportiert und neu eingepflanzt. Für die aufwändige Reise müssen andere Bäume gefällt, Stromkabel verlegt und neue Straßen durch Mandarinenplantagen gepflastert werden.

Hybris, Macht und Unterdrückung

Salomé Jashi
Die Regisseurin Salomé Jashi | Bild: WDR

Salomé Jashis Geschichte der Entwurzelung erzählt von der Hybris eines mächtigen Mannes, vor allem aber auch vom Verhältnis zwischen Mensch und Natur. Es geht um Ökologie und Ökonomie, um Herrschaft und Macht und um eine jahrhundertealte Schönheit, die massiv bedroht ist. "Als ich zum ersten Mal dieses Bild eines riesigen Baumes, der übers Meer fährt, sah, wurde mir fast schwindlig. Ich fühlte, dass da etwas gekippt war. Die Welt war aus dem Gleichgewicht geraten. Ein Baum auf dem Meer, das ist wie ein Irrtum. Es weckte bei mir sofort Assoziationen von Entwurzelung, Migration, Heimatlosigkeit. Gleichzeitig ist es ein sehr poetisches Bild."

"Dagegen zu sein, ist keine Option"

Die Zähmung der Bäume
Eingriff in die Natur | Bild: Mira Film

Die Filmemacherin hat nicht nur den Transport der Bäume gefilmt, sondern auch die Menschen beobachtet, zu deren Lebenswelt sie gehörten. Die hohen Entschädigungssummen und die versprochene Verbesserung der Infrastruktur spalteten so manches Dorf, das über Generationen im Schatten der Bäume lebte. "Die Reaktionen der Menschen waren sehr unterschiedlich. Die einen waren froh, ihre Bäume loszuwerden. Die anderen waren hin- und hergerissen. Einerseits wollten sie sie behalten, weil sie in ihrem Leben eine große Rolle gespielt haben. Andererseits brauchten sie das Geld, das sie dafür bekamen. Und dort, wo neue Straßen für den Transport gebaut wurden, gab es gar keine Option, dagegen zu sein. Einer der Dorfbewohner brachte es auf den Punkt: 'Sie zwingen uns nicht. Aber sie akzeptieren auch kein Nein.'" Solange es in Georgien einen Schattenherrscher wie Iwanischwili gebe, könne von einer demokratischen Entwicklung keine Rede sein. "Er hat zwar die Macht, aber er kann nicht zur Rechenschaft gezogen werden, weil er offiziell kein Amt hat."

Existenzielle Leere

In majestätischen, poetischen Bildern zeigt der Film, dass die Unterwerfung der Natur eine existenzielle Lücke in unser Leben reißt. Der Erhabenheit der Bäume stellt Salomé Jashi die Leere eines Alltags gegenüber, in dem Gier und Gewinn mehr zählen als tief empfundene Gemeinschaft. "Wir hätten auch eine investigative Reportage machen können. Denn es gab viel Korruption von Seiten der Regierung", sagt sie. "Aber wir haben uns entschieden, einen anderen Film zu machen. Er erzählt auf einer poetisch metaphorischen Ebene von diesen Machtverhältnissen. Von Armut und Reichtum. Und von der Entwurzelung der Kultur. Georgien hat nach den Ende Sowjetunion sehr turbulente Machtwechsel erlebt. Für den einfachen Menschen war das oft wie ein totaler Schock. Soziale und kulturelle Strukturen wurden zerstört. Stattdessen beschwört die neue Regierung heute ein konstruiertes Zerrbild traditioneller georgischer Kultur, in der die Kirche, die total korrupt ist, der Garant der georgischen Identität ist, während sie tatsächlich schwulen-, lesben- und ausländerfeindliche Parolen predigt."

Autor des TV-Beitrags: Joachim Gaertner

Die komplette Sendung steht am 5. Dezember ab 20 Uhr zum Abruf in der Mediathek bereit.

Stand: 05.12.2021 18:47 Uhr

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