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Geste der Gerechtigkeit

Restitution kolonialer Raubkunst als Geste der Solidarität

PlayZwei Benin-Bronzen aus der Sammlung Benin im Rautenstrauch-Joest-Museum.
Restitution kolonialer Raubkunst als Geste der Solidarität | Video verfügbar bis 05.12.2022 | Bild: Francis Oghum

Lange wurde über die Rückgabe der Raubkunst diskutiert. Jetzt endlich wird gehandelt! Frankreich hat den Anfang gemacht und in einem Staatsakt 26 Kunstwerke aus dem "Schatz von Abomay" an Benin zurückgegeben. Französische Kolonialtruppen hatten sie im 19. Jahrhundert aus dem Königreich Dahomey, dem heutigen Benin, geraubt. "Eine Zeitenwende" nannte es die Kunsthistorikerin Bénédicte Savoy, die gemeinsam mit dem Sozialwissenschaftler Felwine Sarr im Auftrag von Präsident Macron die Restitution vorbereitet hat. Sie verglich die Rückgabe mit dem Berliner Mauerfall. "Es gibt ein Vorher und ein Nachher", sagte sie.

Die USA haben ebenfalls ein Zeichen gesetzt: Das Metropolitan Museum of Art in New York hat im November drei Kunstobjekte aus Benin – zwei Messingplatten aus dem 16. Jahrhundert und einen Messingkopf aus dem 14. Jahrhundert – an Nigeria zurückgegeben.

Eine Zeitenwende

Auch in Deutschland wird endlich gehandelt. Und das im großen Stil. Im nächsten Jahr soll mit der Rückgabe der über Tausend Benin-Bronzen begonnen werden, die hierzulande in verschiedenen Museen lagern. Die meisten stammen aus einer Plünderungsaktion britischer Truppen im Jahr 1897.

Peju Layiwola
Nanette Snoep, Direktorin des Rautenstrauch-Joest-Museums | Bild: WDR

Einer der führenden Köpfe in Sachen Restitution ist Nanette Snoep, Direktorin des Rautenstrauch-Joest-Museums in Köln. Eine "Revolution" nennt sie Frankreichs Schritt. "Jetzt fängt es wirklich an - nach Hundert Jahren Verhandlungen und Frustration, Verlust und Trauer. Und jetzt Schritt für Schritt kommt die Rückgabe von wichtigen sakralen Objekten, identitätsstiftenden Objekten." Deutschland spiele dabei eine Vorreiterrolle: "Hier reden wir wirklich über Hunderte und Hunderte Kunstwerke aus dem Königreich Benin."

"Wir reden auch über Heilung"

Peju Layiwola
Die Künstlerin und Kuratorin Peju Layiwola  | Bild: WDR

Gerade läuft in ihrem Haus die coronabedingt mehrfach verschobene Sonderausstellung "Resist!", die sich dem antikolonialen Widerstand widmet. Sie rückt viele Exponate aus dem Bestand des einstigen Völkerkundemuseums in ein neues Licht. Darunter sind auch 96 Benin-Bronzen, die bisher unzugänglich waren. Für die Ausstellung hat Peju Layiwola sie aus dem Depot geholt. Die nigerianische Künstlerin, Kuratorin und Nachfahrin der Königsfamilie verbindet die alten Kunstwerke mit eigenen Arbeiten. Erstmals kann sie die Originale selbst berühren. "Das ist eine phantastische Erfahrung und eine schwere Arbeit, metaphorisch gesprochen – mit Blick auf die Geschichte der Enteignung und die Geschichte des Traumas", sagt sie. "Es sind die Köpfe unserer Ahnen. Ihr Platz ist dort, wo sie hingehören, nicht hinter Glas in westlichen Museen." Bei der Rückgabe geht es um sehr viel mehr als materielle Werte. "Ich denke, in diesen Verhandlungen ist es sehr wichtig, Solidarität zu zeigen, Empathie zu zeigen. Wir reden hier auch über Heilung", sagt Nanette Snoep.    

Debatte auf Augenhöhe

Anfang Januar 2022 wird eine Delegation aus Nigeria nach Deutschland kommen, um die Objekte für die Rückgabe auszuwählen. "Die sind dann im Eigentum Nigerias", sagt Andreas Goergen, der seit zwei Jahren für das Auswärtige Amt über die Restitution verhandelt. "Aber auch Nigeria hat ein Interesse daran, dass weiterhin Objekte auf aller Welt und in Deutschland gezeigt werden. Denn Teil des Stolzes einer Nation ist ja auch, ihre eigenen Sachen anderen Nationen zu zeigen und damit ein Gesprächsangebot zu verbinden."

Nana Oforiatta Ayim
Nana Oforiatta Ayim | Bild: WDR

Die Frage, wie es mit und nach der Restitution weitergeht, war auch Thema einer hochkarätig besetzten Diskussionsrunde, zu der das Rautenstrauch-Joest-Museum Anfang Dezember eingeladen hat. "Ich glaube, der revolutionäre Moment kommt erst dann, wenn es einen wirklichen Wandel gibt", meint Nana Oforiatta Ayim. "Die Geste der Rückgabe reicht nicht. Wir brauchen einen Austausch auf Augenhöhe." Die ghanaische Schriftstellerin und Kunsthistorikerin engagiert sich seit Jahren für die Restitution und hat schon viele Enttäuschungen erlebt. "Die ganze Debatte wird immer noch viel zu stark von westlichen Politikern dominiert."

Das Museum neu denken

In Deutschland wiederum werden Befürchtungen laut, es könne in den Museen zu einem Kahlschlag kommen. Nanette Snoep sieht das anders: "Es gibt wirklich eine Zukunft nach der Rückgabe." Und diese Zukunft stellt die Museen vor neue Aufgaben: "Wie restaurieren wir unsere Objekte? Wie können wir diese Objekte oder Subjekte auf eine ethische Weise oder auf eine empathische Weise hier bewahren und auch teilen?" Für sie ist es "eine unglaubliche Ehre, Direktorin zu sein, um in dieser Zeit das Museum neu zu denken". 

Autorinnen des TV-Beitrags: Claudia Kuhland/Cordula Echterhoff

Die komplette Sendung steht am 5. Dezember ab 20 Uhr zum Abruf in der Mediathek bereit.

Stand: 05.12.2021 18:43 Uhr

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