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"Why We Matter"

Emilia Roig über das Ende der Unterdrückung

PlayEmilia Roig
"Why We Matter" | Video verfügbar bis 07.02.2022 | Bild: WDR

Es bewegt sich etwas in unserer Gesellschaft. Über Rassismus und Diskriminierung wird mehr diskutiert als noch vor wenigen Jahren. Doch noch lange nicht genug, meint die Politikwissenschaftlerin Emilia Roig. Zumal Konflikte, Hass und Gewalt immer wieder von Neuem aufbrechen. Über die Gründe der Unterdrückung und Wege zu ihrer Überwindung hat sie ein Buch geschrieben. "Why We Matter" erscheint am 15. Februar im Aufbau-Verlag. ttt hat mit der Autorin gesprochen.

Formen der Unterdrückung

"Alle Formen von Unterdrückung basieren auf einer globalen sozialen Hierarchie. Menschen sind unterschiedlich platziert auf dieser Hierarchie. Alle menschlichen Leben sollten gleich sein, und im Moment ist es nicht so. Deswegen müssen wir die Hierarchie aufzeigen, die dazu führt, dass manche Leben mehr wert sind als andere." Emilia Roig ist Gründerin und Geschäftsführerin des Center for Intersectional Justice (CIJ) in Berlin. Seit Jahren engagiert sie sich im Kampf gegen Ungleichheit und Diskriminierung.

Kampf um Sichtbarkeit

Demonstration gegen Polizeigewalt in New York
Black-Lives-Matter-Demonstration gegen Polizeigewalt, Oktober 2017 | Bild: ddp images / Eric McGregor

Rassismus, sagt sie, ist tief verankert in unserer Gesellschaft, so tief, dass Weiße sich ihrer Privilegien nicht einmal bewusst sind. Wie können Weiße die Wirklichkeit von Schwarzen sehen? Männliche Muslime die von weißen Frauen? Heterosexuelle die von Queeren? Emilia Roig geht es darum, die Unterdrückung sichtbar zu machen: "Nicht gesehen zu werden, nicht gehört zu werden, ist unerträglich. Weil es unsere Menschlichkeit infrage stellt. Menschen, die weder gesehen noch gehört werden, denen nicht geglaubt wird, sind vielen Formen von Gewalt ausgesetzt – bis hin zum Mord", schreibt sie.

Familiengeschichte

In ihrem Buch erzählt sie auch ihre Familiengeschichte und beschreibt eigene Erfahrungen. Die Tochter einer schwarzen Mutter aus Martinique und eines weißen Vaters wuchs in einem Pariser Vorort auf. Schon als Kind erlebte sie, wie unterschiedlich die Welt aussieht, je nachdem, aus welcher Perspektive man sie betrachtet. Die Mutter hatte als Einwanderin in Frankreich extremen Rassismus erlebt. "Die Tatsache, dass meine Mutter sehr viel Ungleichheit erfahren hat in einem Land, wo sie nie richtig dazu gehört hat, war auch eine Motivation für mich, dieses Buch zu schreiben." Der Großvater väterlicherseits war Vertreter der französischen Kolonialmacht in Algerien und offen rassistisch. "Die Menschen, die der Mehrheit angehören, wachsen auf mit einer Annahme, dass die Welt aus ihrer Perspektive gesehen und erlebt wird. Und Menschen, die diese Perspektive nicht teilen, sind dazu gezwungen von ganz früh an, sich auch in die Situation dieser Hauptprotagonisten hineinzuversetzen."

Öffnen für die Vielseitigkeit

"Why We Matter" ist aber mehr als ein Erfahrungsbericht. Die Wissenschaftlerin Emilia Roig analysiert die Gründe für strukturellen Rassismus, beschreibt Zusammenhänge und vergleicht verschiedene Gesellschaftsbereiche. "Mein Buch sehe ich auch als ein wissenschaftliches Buch. Ich finde es wichtig, dass wir Wissen neu denken und erweitern, dass unsere Erfahrungen und unsere persönliche Perspektive auch Teil davon sind, wie wir Wissen produzieren, Theorien entwickeln."

Mit ihrem Buch will sie unsere Wahrnehmung erweitern, uns dafür sensibilisieren, wie sehr wir im Umgang mit anderen Menschen unbewussten Mustern folgen. Wenn wir den Filter, durch den wir die Welt betrachten, erst einmal wahrnehmen, können wir uns langsam von ihm befreien. "Das ist eine schwere Aufgabe, eine kollektive Aufgabe, die wir alle erfüllen müssen. Wir müssen das gemeinsam machen." Ihr Buch ist eine Einladung, die Tür zur Vielseitigkeit unserer Existenz zu öffnen.

Buchtipp

Emilia Roig: Why We Matter.
Das Ende der Unterdrückung
Aufbau-Verlag 2021, Preis: 22 Euro

Autorin des TV-Beitrags: Hilka Sinning

Die komplette Sendung steht am 7. Februar ab 20 Uhr zum Abruf in der Mediathek bereit.

Stand: 07.02.2021 19:27 Uhr

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