SENDETERMIN So., 07.02.21 | 23:05 Uhr | Das Erste

"Kabul, City in the Wind"

Poetische Einblicke in den afghanischen Alltag

PlayDie beiden Brüder Afshin und Benjamin
"Kabul, City in the Wind" | Video verfügbar bis 07.02.2022 | Bild: jip film & verleih

Seit über 40 Jahren herrscht Krieg in Afghanistan. Auch wenn er bei uns nur noch selten die Schlagzeilen bestimmt – für die Menschen in Afghanistan gehört er zum täglichen Leben. Die Bedrohung durch islamistische Selbstmordattentate ist vor allem in der Hauptstadt Kabul allgegenwärtig.

Der junge Regisseur Aboozar Amini gibt uns einen bewegenden Einblick in diese Welt des Krieges. Seine ebenso poetischen wie schmerzhaften Impressionen aus dem afghanischen Alltag hat er zu einem außergewöhnlichen Dokumentarfilm verdichtet. "Kabul, City in the Wind" wurde unter anderem auf dem International Documentary Film Festival in Amsterdam 2018 mit dem Special Jury Award ausgezeichnet und lief auf dem DOK.fest München 2020 im internationalen Wettbewerb. Der Film startet, sobald die Kinos wieder geöffnet sind. ttt hat mit Aboozar Amini in Teheran gesprochen, wo er gerade seine Familie besucht.

"Es geht um Emotionen"

Regisseur Aboozar Amini
Der Regisseur Aboozar Amini  | Bild: jip film & verleih

Aboozar Amini, 1985 in Afghanistan geboren, emigrierte als Teenager in die Niederlande. Nach seinem Studium lebt er heute in Amsterdam und Kabul. In seinem Film "Kabul, City in the Wind" erzählt er vom Leben zweier Kinder und eines Busfahrers, die in der afghanischen Hauptstadt um ein bisschen Normalität kämpfen. Es sind unspektakuläre Geschichten ohne Gewalt, Anschläge oder Explosionen. Doch die Art, wie sich Aboozar Amini seinen Protagonisten nähert, macht die Bedrohung in jedem Bild spürbar.

Er habe keine Klischees bedienen wollen, sagt der Regisseur, ganz im Gegenteil: "Afghanistan ist ein Land voller Gewalt, zumindest in den letzten vierzig Jahren. Aber das Kino, an das ich glaube, ist ein anderes: Da geht es um Emotionen, um das Gefühl von Gewalt, nicht um die Gewalt selbst."

Alltag in Kabul

Dieses Gefühl prägt auch das Leben der beiden Brüder Afshin und Benjamin. Afshin ist zwölf Jahre und jetzt "der Mann im Haus". So hat es ihm jedenfalls sein Vater erklärt. Der Ex-Soldat musste das Land und seine Familie aus Sicherheitsgründen verlassen, nachdem seine Kaserne zum Ziel eines Taliban-Anschlags geworden war. Nun trägt Afshin nicht nur die Verantwortung für das Haus, sondern auch für seinen kleinen Bruder Benjamin. Die Sorgfalt, mit der er das tut, lässt ihn älter erscheinen, als er tatsächlich ist.

Der Busfahrer Abas
Abas und sein Bus | Bild: jip film & verleih

Neben den beiden Kindern hat Aboozar Amini den Busfahrer Abas ins Zentrum seines Filmes gerückt. Abas ist Mitte 40 und hoch verschuldet. Er schafft es kaum, seine Familie über die Runden zu bringen. Einen Ausweg sucht er im Drogenrausch.

"Das Leben spüren"

Der zwölfjährige Afshin
Der zwölfjährige Afshin | Bild: jip film & verleih

Es sind die ganz normalen Menschen, die Aboozar Amini interessieren, ihre Nöte, Hoffnungen und Ängste. Er habe das wirkliche Leben in Afghanistan zeigen wollen, nicht den Krieg. "Afghanistan wurde ausgebeutet von den Medien und von ausländischen Filmemachern, die kurz ins Land kommen, kurz drehen und sich wieder davonmachen, um ein Bild vom Alltag in Afghanistan zu verbreiten. Man muss sich Zeit nehmen in einem solchen Land, einem Kriegsgebiet. Man muss dortbleiben, und das Leben spüren."

Ungewisse Zukunft

Wie wird es weitergehen in Afghanistan? Vor fast einem Jahr, am 29. Februar 2020, hat der damalige amerikanische Präsident Donald Trump ein Abkommen mit den Taliban unterzeichnet. Es sieht den Abzug der amerikanischen Truppen bis Mitte 2021 vor. Auch der Afghanistan-Einsatz der Nato "Resolute Support", an dem die Bundeswehr beteiligt ist, soll in den nächsten Monaten beendet werden. Nachdem westliche Truppen zwanzig Jahre lang versucht haben, das Land zu stabilisieren, fürchten viele Afghanen die Rückkehr der Taliban an die Macht. Auch Aboozar Amini ist skeptisch: "Zwanzig Jahre große Worte von Demokratie und Meinungsfreiheit, von diesem und jenem. Und plötzlich: Alles vorbei. Das wird fürchterliche Auswirkungen haben." Der neue US-Präsident Joe Biden hat in diesen Tagen angekündigt, das Abkommen auf den Prüfstand zu stellen und die vereinbarten Gegenleistungen der Taliban zu kontrollieren. Die Zukunft Afghanistans bleibt ungewiss.

Autor des TV-Beitrags: Joachim Gaertner

Die komplette Sendung steht am 7. Februar ab 20 Uhr zum Abruf in der Mediathek bereit.

Stand: 07.02.2021 19:27 Uhr

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