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"Die Verlockung des Autoritären"

Anne Applebaums Bestseller erscheint auf Deutsch

PlayAnne Applebaum in Washington
"Die Verlockung des Autoritären" - Anne Applebaums Bestseller | Video verfügbar bis 07.03.2022 | Bild: WDR

Sie ist Historikerin, Journalistin und Pulitzer-Preisträgerin: die US-Amerikanerin Anne Applebaum. Seit vielen Jahren lebt sie in Polen und gilt als ausgewiesene Osteuropa-Kennerin. In mehreren preisgekrönten Publikationen hat sie sich mit der Geschichte der autoritären Regime beschäftigt. Jetzt erscheint ihr neues Buch "Die Verlockung des Autoritären", eine Auseinandersetzung mit der Frage, warum so viele Menschen in Ost und West sich von Antidemokraten angezogen fühlen. ttt hat Anne Applebaum in Washington getroffen.

Katerstimmung

Anne Applebaum beginnt ihr Buch mit einer sehr persönlichen Erinnerung. Zur Jahrtausendwende hatten sie und ihr Mann, der polnische Politiker und spätere Außenminister Radek Sikorski, zur Silvesterparty in ihr Landhaus geladen. Es war, wie sie schreibt, ein rauschendes Fest mit einer buntgewürfelten Gästeschar: Journalisten, Jungdiplomaten, Freunde, Verwandte. Heute, mehr als zwei Jahrzehnte später, wäre ein Zusammentreffen derselben Menschen völlig undenkbar, so sehr haben sie sich politisch auseinandergelebt. Ein tiefer Graben trennt Demokraten von Antidemokraten, Proeuropäer von Nationalisten, Konservative, zu denen sie sich selbst zählt, von Reaktionären.

Auch wenn Anne Applebaum die Spaltung in Polen für besonders weit fortgeschritten hält, beobachtet sie dasselbe Phänomen in Ost und West. "Ich schildere in meinem Buch ein konservatives, antikommunistisches Mitte-Rechts-Milieu, das nun gespalten ist in fast jedem westlichen Land. Ein Teil dieser Leute ist heute radikal, sie haben die rechte Mitte nach Rechtsaußen verlassen: PiS in Polen, Fidesz in Ungarn, AfD in Deutschland, Marine Le Pens Bewegung in Frankreich. Oder sie sind ein Teil des Trump-Flügels der Republikaner. Sie haben nicht nur mit ihren politischen Ansichten gebrochen, sondern verweigern sich auch zivilen Debattenformen."

Die Steigbügelhalter

Anne Applebaum
Pulitzer-Preisträgerin und Bestsellerautorin Anne Applebaum | Bild: WDR

Wie konnte es dazu kommen? Um diese Frage zu beantworten, blickt Anne Applebaum nicht auf die Anführer, sondern auf jene, die sie unterstützen: Intellektuelle und Journalisten, die Programme schreiben, Kampagnen entwerfen und Ängste schüren. "Für viele von ihnen geht es um Macht. In einer kleinen, radikalen Partei können sie mehr Einfluss nehmen als in einer traditionellen konservativen Partei. Manchmal steckt eine ideologische Berufung dahinter. Sie sind vom Konservativismus gelangweilt, finden es nicht mehr erfüllend, aufregend und motivierend. Sie vermissen die Leidenschaft für Politik, wie sie sie zum Beispiel während des Kalten Krieges gespürt haben."

Gefahr für die Demokratie

Wie gefährlich das ist, hat der Sturm auf das Kapitol in Washington am 6. Januar gezeigt, als die Frustration der Trump-Anhänger in Gewalt umschlug. "Ein Teil der Republikaner ist jetzt eine radikale Partei, die versucht, Institutionen zu stürzen. Es ist eine Partei, die nicht mehr an Regeln, Traditionen und Normen der amerikanischen Demokratie glaubt. Sie will nicht erhalten, sondern zerstören."

Beobachtungen einer Insiderin

Anne Applebaum zeigt anhand zahlreicher Beispiele, wie die Steigbügelhalter der autoritären Bewegung die Verunsicherung nach dem Finanzcrash 2008 und dem Zuzug der Flüchtlinge 2014/15 instrumentalisiert haben. "Die Menschen, über die ich schreibe, haben diese Ängste identifiziert, geschürt und für ihre Politik genutzt." Ihre konservativen Freunde warnt sie davor, den Autoritären das Feld zu überlassen: "Wenn die Moderaten nicht mehr beeindrucken können, wenn sie ihre Energie verlieren und den Rechten zu viel zubilligen, kann das ein Moment des Zusammenbruchs sein."

Es sind Beobachtungen einer Insiderin, die keinen Anspruch auf Objektivität erhebt. "Ich kann diese Geschichte nicht als neutrale Historikerin oder Journalistin schreiben. Ich bin Teil der Geschichte." Genau darin liegen Stärke und Schwäche des Buches, das zutiefst persönlich von politischen Umbrüchen erzählt.

Buchtipp

Anne Applebaum: Die Verlockung des Autoritären.
Warum antidemokratische Herrschaft so verlockend geworden ist.
Siedler Verlag 2021, Preis: 22 Euro

Autorin des TV-Beitrags: Claudia Kuhland

Die komplette Sendung steht am 7. März ab 20 Uhr zum Abruf in der Mediathek bereit.

Stand: 07.03.2021 18:45 Uhr

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