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Zukünftiges Erinnern

Das Holocaust-Archiv in Arolsen und das "Lonka-Projekt"

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Zukünftiges Erinnern: Das Holocaust-Archiv in Arolsen und das "Lonka-Projekt" | Video verfügbar bis 07.03.2022 | Bild: WDR

Am 27. Januar, dem Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus, sprach Charlotte Knobloch im Deutschen Bundestag. Die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern hat als Kind die Verfolgung durch die Nazis selbst erlebt. Seit Jahren hält sie in Vorträgen und Veranstaltungen die Erinnerung an den Holocaust wach.

Wie sie haben viele Überlebende weltweit von den Schrecken der Verfolgung und Vernichtung erzählt. Doch es wird immer weniger Zeitzeugen geben, die aus eigener Anschauung von der Naziherrschaft berichten. Wie kann die Geschichte auch für kommende Generationen lebendig bleiben? ttt über zwei Projekte, die neue Wege des Erinnerns gehen.

Die Arolsen Archives

Das weltgrößte Magazin für Akten von NS-Verfolgten sind die Arolsen Archives in der nordhessischen Stadt Bad Arolsen. Hier lagern rund 30 Millionen Dokumente: Deportationslisten, Karteikarten aus den Konzentrationslagern und andere Originale, Quellen über Zwangsarbeiter, Kriegsgefangene, verschleppte Kinder. Eine Namenkartei enthält Hinweise auf über 17,5 Millionen Menschen. Das Archiv ist offen für jeden. Anfragen kommen aus der ganzen Welt.

Floriane Azoulay
Archiv-Leiterin Floriane Azoulay  | Bild: WDR

Seit Januar 2016 leitet Floriane Azoulay die Arolsen Archives. Eine ihrer wichtigsten Aufgaben ist es, die Akten für die Zukunft zu erhalten. Ein Großteil der Dokumente ist bereits digitalisiert. Um sie möglichst vielen zugänglich zu machen, stehen sie in einem Online-Archiv zur Verfügung. Hier kann man von überall auf der Welt nach Namen und Orten recherchieren. So lassen sich auch nach Jahrzehnten die Schicksale der NS-Opfer nachverfolgen.

Digitales Denkmal für die Opfer

Längst aber sind nicht alle Dokumente erschlossen. Viele der gescannten Originale sind mit der Hand geschrieben, enthalten Kürzel oder sind in Sütterlin-Schrift verfasst. Eine ebenso einfache wie geniale Idee soll Abhilfe schaffen. Mit der Initiative "Jeder Name zählt" (#everynamecounts) laden die Arolsen Archives Freiwillige ein, die Dokumente zu entziffern und bei der Zuordnung von Namen und Orten zu helfen. Das Projekt sei ein wichtiger Schritt in die Zukunft, betont Floriane Azoulay. Erstmals sind nicht nur Experten angesprochen, sondern die große Internet-Community. Jeder, der mitmachen will, findet auf der Internetseite des Projektes eine Anleitung in wenigen Schritten und kann ohne große Hürden gleich loslegen.

Freiwillige Helferin Jagoda Josch
Freiwillige Helferin Jagoda Josch | Bild: WDR

Eine der bisher rund 7.500 Freiwilligen ist Jagoda Josch. Sie lebt in Bochum und ist als gebürtige Polin zweisprachig aufgewachsen. Nicht nur ihre Sprachkompetenz, sondern auch ihre Kenntnis der Sütterlinschrift helfen ihr, die Originale zu entschlüsseln. Die 36-Jährige hat in wenigen Wochen mehr als 50 Dokumente übertragen. Dass sie sich selbst in die Aufarbeitung der NS-Vergangenheit einbringen kann, empfindet sie als Akt der Solidarität.

 Das "Lonka-Projekt"

Einen anderen Weg des Erinnerns geht das "Lonka-Projekt" – eine fotografische Hommage an Holocaust-Überlebende. 300 renommierte Fotografen und Fotografinnen aus der ganzen Welt haben Zeitzeugen der NS-Verfolgung in ihrem privaten Umfeld porträtiert. Sie waren damals Kinder oder Jugendliche. Heute sind sie um die 90 Jahre alt. Das Fotografenpaar Jim Hollander und Rina Castelnuovo hat das Projekt 2019 in Israel gestartet und es Rinas Mutter Lonka (1926-2018) gewidmet. Lonka überlebte als junges Mädchen fünf Konzentrationslager der Nazis.

Franz Michalski
Franz Michalski | Bild: WDR

Einer der Überlebenden ist Franz Michalski aus Berlin. Als Junge hat er seine Mutter davon abgehalten, sich aus Furcht vor den Nazis das Leben zu nehmen. Über seine Erinnerungen hat er das Buch "Als die Gestapo an der Haustür klingelte" geschrieben. So lange er kann, will er seine Geschichte erzählen. Der Ostkreuz-Fotograf Maurice Weiss hat ihn für das "Lonka-Projekt" porträtiert. Die Fotoausstellung ist zurzeit virtuell im Willy-Brandt-Haus in Berlin zu sehen.

Autor des TV-Beitrags: Martin Rosenbach

Die komplette Sendung steht am 7. März ab 20 Uhr zum Abruf in der Mediathek bereit.

Stand: 07.03.2021 18:45 Uhr

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