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Die Ausstellung "Contemporary Muslim Fashions" in Frankfurt

Politischer Chick

PlayDesert Dream Collection von Modanisa
Die Ausstellung "Contemporary Muslim Fashions" in Frankfurt | Video verfügbar bis 07.04.2020 | Bild: Modanisa

Kaum ein Kleidungsstück ist so umstritten wie das Kopftuch. Die neuseeländische Ministerpräsidentin trägt es als Zeichen der Solidarität. Feministinnen kritisieren es als Symbol der Unterdrückung. Und nun wird es in einem Frankfurter Museum zur Schau gestellt?

Schon lange nicht mehr hat eine Ausstellung noch vor ihrer Eröffnung für so viel Wirbel gesorgt wie "Contemporary Muslim Fashions" im Museum für Angewandte Kunst in Frankfurt. Zu sehen ist sie vom 5. April bis zum 15. September.

Muslimische Mode

Chanel #VII aus der Serie Al-Kouture
Chanel #VII aus der Serie Al-Kouture | Bild: Wesaam Al-Badry

Entstanden ist die Schau an den de Young Fine Arts Museums in San Francisco. Max Hollein, seit August 2018 Leiter des Metropolitan Museum in New York, hatte die Idee dazu. Frankfurt ist ihre erste Station in Europa. Schon in den USA galt sie als Provokation, auch wenn es längst nicht so viel Aufregung gab wie hierzulande. Nun wird den Ausstellungsmachern und der Leitung des Frankfurter Museums vorgeworfen, sie unterstützten ein rigides Modediktat. Eine Burka, auch wenn der Schriftzug "Chanel" darauf steht, sei immer noch eine Burka.

Die Ausstellung zeigt einen Querschnitt moderner muslimischer Mode. Sie stellt Designerinnen und Labels vor, die für einen Markt von weltweit 1,8 Milliarden Konsumentinnen arbeiten. Es geht um Tradition und Innovation, um Gemeinsamkeiten und Unterschiede in den verschiedenen Ländern, um religiöse, politische und soziale Aspekte. 

Enormes Konfliktpotenzial

Die Proteste entzünden sich vor allem, aber nicht nur an Kopftuch und Burka. Die Ausstellung sei ein Schlag gegen die Frauenrechte, schrieb die Gruppe "Migrantinnen für Säkularität und Selbstbestimmung" in einem offenen Protestbrief an Museumsdirektor Matthias Wagner K.

Aus der Serie "Occupied Pleasures"
Aus der Serie "Occupied Pleasures"  | Bild: Tanya Habjouqa

Die Frauenrechtsorganisation "Terre des Femmes" spricht von einem Skandal. Das Kopftuch werde nicht freiwillig getragen und dürfe nicht als "modisches Accessoire" verherrlicht werden. Auch die Anwältin Seyran Ateş, Imamin und Gründerin der liberalen Ibn-Rushd-Goethe-Moschee in Berlin, hält die Ausstellung für gefährlich. Sie spiele dem politischen Islam in die Hände.

Susanne Schröter, Professorin für Ethnologie an der Universität Frankfurt und Direktorin des Forschungszentrums Globaler Islam, hat für den 8. Mai zu einem Symposium unter dem Titel "Das islamische Kopftuch – Symbol islamischen Patriarchalismus oder Ausdruck weiblicher Selbstbestimmung?" eingeladen. Teilnehmen werden unter anderem die Deutsch-Türkin Necla Kelek, der Deutsch-Algerier Abdel-Hakim Ourghi und Alice Schwarzer.

"Modest Fashion"

Matthias Wagner K, Leiter des Museums für Angewandte Kunst in Frankfurt
Museumsleiter Matthias Wagner K | Bild: WDR

Matthias Wagner K kann die Vorwürfe nicht nachvollziehen. Für ihn ist die Schau in erster Linie eine Modeausstellung, in der das Kopftuch nur eine untergeordnete Rolle spiele. Sie biete durchaus Raum für Kritik am Verschleierungszwang – zum Beispiel mit einer Videoinstallation der iranisch-amerikanischen Künstlerin Shirin Neshat.  

Im Mittelpunkt, so Matthias Wagner K, stehe die "Modest Fashion", eine zurückhaltende, wenig körperbetonte Mode, die nicht ausschließlich von Muslimen für Muslime gemacht wird.

Naomi Afia Brenya Güneş-Schneider
Designerin Naomi Afia Brenya Güneş-Schneider | Bild: WDR

"Modest Fashion" bringe gerade nicht die Fremdbestimmung, sondern die Selbstermächtigung der Frauen zum Ausdruck, sagt Naomi Afia Brenya Güneş-Schneider. Die Designerin, Bloggerin und Influencerin hat ihre jüngste Kollektion "Our Body Our Business" genannt – ein Statement gegen Zwänge jeglicher Art. Zwei ihrer Entwürfe sind auch in der Frankfurter Ausstellung zu sehen. Vom 12. bis zum 14. April wird sie an einem begleitenden Symposium teilnehmen, das sich mit der Kritik an der Schau auseinandersetzt.

Ausstellung unter Polizeischutz

Matthias Wagner K wünscht sich eine faire und anregende Debatte. Fest steht allerdings schon jetzt, dass es für die Ausstellungsbesucher Sicherheitskontrollen geben wird – Taschendurchsuchungen und Leibesvisitationen inklusive. Denn nicht nur liberale Musliminnen und Frauenrechtlerinnen protestieren gegen die "Contemporary Muslim Fashions". Auch Rechtsradikale laufen Sturm gegen die Schau und haben das Museum mit Hass-Mails überflutet.

Autorin des TV-Beitrags: Marion Ammicht

Stand: 08.04.2019 08:33 Uhr

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