SENDETERMIN So., 07.04.19 | 23:05 Uhr | Das Erste

Massenvergewaltigungen nach Kriegsende

Die Folgen der Traumatisierung

PlayDie Historikern Miriam Gebhardt
Massenvergewaltigungen nach Kriegsende | Video verfügbar bis 07.04.2020 | Bild: WDR

Die jüngere deutsche Vergangenheit ist ihr Thema: Die Historikerin Miriam Gebhardt hat Bücher veröffentlicht über die "Weiße Rose", die Geschichte der Erziehung und die Frauenbewegung.

Mit dem Bestseller "Als die Soldaten kamen" rührte sie 2015 an ein Tabu. Sie schrieb über die Massenvergewaltigungen deutscher Frauen am Ende des Zweiten Weltkrieges – nicht nur durch sowjetische, sondern auch durch alliierte Soldaten. Oft haben die Opfer ein Leben lang darunter gelitten.

Stigmatisierung und Ausgrenzung

Jetzt legt sie nach. In ihrem neuen Buch "Wir Kinder der Gewalt" beschäftigt sie sich mit den sogenannten "Besatzungskindern": denjenigen, die bei einer Vergewaltigung gezeugt wurden und mit ihren traumatisierten Müttern leben mussten. Auch noch nach über 70 Jahren quält sie die Frage, wer ihre Väter sind. Bis heute leiden sie unter dem Gefühl, unerwünscht gewesen zu sein.

"Alle meine Interviewpartner haben während meines Interviews geweint", sagt Miriam Gebhardt. "Sie sind immer noch sehr traurig, vor allem über dieses fehlende warme Verhältnis zur Mutter. Das ist etwas, was offenbar sehr schwierig zu reparieren ist im Leben. Alle haben mir erzählt, dass sie Schwierigkeiten in Beziehungen, Sexualität, auch zum Kapitel Gewalt haben in ihrem Leben. Alle haben mehr oder weniger intensiv psychotherapeutische Hilfe gesucht, immer wieder im Leben."

Viele waren stigmatisiert, wurden von der Familie oder der Dorfgemeinschaft abgelehnt. Besonders schwer hatten es farbige Kinder, die alltäglich mit dem Rassismus der Nachkriegsgesellschaft konfrontiert waren.

Vererbte Traumata

Die Historikerin geht von knapp 900.000 Vergewaltigungsopfern aus. Die Zahl lässt sich nur hochrechnen. Eine Statistik gibt es nicht. Kritiker haben ihr deshalb "Fehlspekulation" vorgeworfen. Miriam Gebhardt aber bleibt dabei und schätzt, dass Zigtausende Kinder betroffen sind.

Belastet sind sie nicht nur durch ihre eigenen Erfahrungen. Auch die Traumata ihrer Mütter wirken nach. Die Wissenschaft spricht von transgenerationaler Weitergabe. 

"Es gibt ja neue Forschungen, die bis in die feinstoffliche Ebene gehen und die sagen, so etwas kann sich am Kortison-Spiegel oder an den Genen ablesen lassen, dass sich Traumata über Generationen hinweg vererben."

Folgen bis in die Gegenwart

Das ist auch der Grund dafür, dass die Folgen bis in unsere Gegenwart zu spüren sind. Miriam Gebhardt geht sogar so weit, Ängste vor fremdländisch aussehenden Männern damit in Verbindung zu bringen: "Selbst Ereignisse wie die Silvesternacht in Köln, als viele Frauen von Migranten sexuell angegangen worden sind, die vielleicht auch wieder eine historische Erinnerung getriggert hat. Dass wieder eine sexuelle Bedrohungslage entsteht in dem Moment, wo fremde Männer im Land sind. Und das ist vielleicht auch ein Grund, warum in diesem Moment nach dieser Silvesternacht die Stimmung in Beziehung auf Migration in Deutschland so gekippt ist."

Eine steile These. Fest steht: Die Geschichte des Zweiten Weltkrieges ist auch 74 Jahre nach Kriegsende noch lange nicht auserzählt.

Buchtipp

Miriam Gebhardt: Wir Kinder der Gewalt.
Wie Frauen und Familien bis heute unter den Folgen der Massenvergewaltigungen bei Kriegsende leiden.
DVA 2019, Preis: 24 Euro

Autorin des TV-Beitrags: Katja Lüber

Stand: 07.04.2019 16:42 Uhr

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