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Vom Vorstadthelden zum Wendeverlierer

Jaroslav Rudiš' Bestseller "Nationalstraße" als Kinofilm

PlayFilmszene aus "Nationalstraße" mit Vandam (Hynek Čermák) und seinem Freund Psycho (Jan Cina)
Vom Vorstadthelden zum Wendeverlierer | Video verfügbar bis 07.06.2021 | Bild: Jan Hromadko

Vandam ist ein Kind der Prager Vorstadt, Wutbürger unserer Zeit und trauriger Held von Jaroslav Rudiš' Erfolgsroman "Nationalstraße". Vandam war mit dabei, als die Tschechen im November '89 die Samtene Revolution ins Rollen brachten. Während sich das Land komplett wandelte, blieb er in der Plattenbausiedlung am Rande von Prag hängen. Ein Macho und Aufschneider, für den es seit der Wende nur eine Richtung gab: bergab.

Vandams Geschichte könnte überall im postsozialistischen Europa spielen, auch bei uns. Sie erzählt von der Spaltung der Gesellschaft, von Gewinnern und Verlierern und vom Gefühl der Zu-kurz-Gekommenen, deren Enttäuschung in Aggression umschlägt. Jetzt hat Jaroslav Rudiš zusammen mit dem tschechischen Regisseur Štěpán Altrichter das Drehbuch zum gleichnamigen Film geschrieben. Am 11. Juni kommt "Nationalstraße" in die deutschen Kinos.

Vorstadtheld

Filmszene aus "Nationalstraße". In Vandams Stammkneipe
In Vandams Stammkneipe "Severka" | Bild: Jan Hromadko

Vandam (Hynek Čermák) heißt Vandam wie Jean-Claude van Damme. Und das ist weder Zufall noch Ironie. Denn Vandam ist ein Actionheld, jedenfalls in seiner Phantasie und wenn er genug getrunken hat. Aufgewachsen ist er in einer Neubausiedlung im Norden der tschechischen Hauptstadt. Dass er den Plattenbau nie verlassen hat, macht ihn eher stolz als traurig. Hier ist seine Heimat, hier fühlt er sich verstanden, vor allem von seinen Kumpels, mit denen er in der Stammkneipe Severka über "die da oben", Ausländer, "Zigeuner" und die EU schwadroniert.

Noch immer wärmt ihn der Mythos des Helden. Denn einmal in seinem Leben hatte er einen großen Tag: damals am 17. November 1989, als er – so will es seine Erinnerung – die Revolution auf der Nationalstraße in Prag lostrat. Innerhalb weniger Wochen war das kommunistische Regime hinweggefegt. Der "Wind of Change" veränderte das Land von Grund auf, nicht aber das Leben von Vandam. Jedenfalls nicht zum Besseren. Seitdem versucht er, sich mit seiner schlagkräftigen Rechten das zu holen, was man ihm damals versprochen und bis heute vorenthalten hat.

"Tragische Figur"

Bestsellerautor Jaroslav Rudiš
Bestsellerautor Jaroslav Rudiš | Bild: WDR

Ein Held ist Vandam schon lange nicht mehr. Wegen Gewaltexzessen musste er den Polizeidienst quittieren. Und bei Fußballspielen hebt er auch gerne mal die rechte Hand zum Hitlergruß. "Er ist ein Schläger, ein Hochstapler, eine tragische Figur", sagt Jaroslav Rudiš. In seinem 2016 auf Deutsch erschienenen Roman ist er tief in die Gedankenwelt seines Protagonisten eingetaucht. Vandam ist ständig im Krieg: gegen die Regierung und die Elite, gegen Immobilienhaie und Intellektuelle, gegen Sozialschmarotzer, Neger und Schwule. Sympathisch ist er nicht. "Natürlich ist er ein Arschloch", meint Regisseur Štěpán Altrichter, "politisch steht er ganz woanders als ich. Gleichzeitig wollten wir ihn weder verurteilen noch glorifizieren. Wir wollten diese Ambivalenz halten."

Regisseur Štěpán Altrichter
Regisseur Štěpán Altrichter  | Bild: WDR

Wie das Buch ist auch der Film eine Gratwanderung. Er weckt kein Mitleid mit dem Verlierer, auch kein Verständnis für seine rechtsradikalen Gedanken, macht aber deutlich, wie tief die Unzufriedenheit wurzelt. "Dieser Mensch", so Štěpán Altrichter, " ist wie eine Sollbruchstelle einer ganzen Gesellschaft. Und deshalb ist, glaube ich, das Buch so populär geworden, weil es auf einmal in ganz Europa diese Spaltung in diese Lager gab und Vandam einfach genau an dieser Sollbruchstelle steht."

Die Geschichte spitzt sich zu, als Vandam noch einmal in die Schlacht zieht. Seine Lieblingskneipe soll abgerissen werden und Platz machen für ein Spekulationsobjekt. Und das ist nicht alles: Lucka, die Kneipenwirtin und seine heimliche Liebe, wird von einem Schuldeneintreiber bedrängt. Vandam wirft alles in den Ring, ohne zu erkennen, dass er einen Kampf führt, der schon längst entschieden ist.

Buchtipp

Jaroslav Rudiš: Nationalstraße.
Luchterhand Literaturverlag 2016, Preis: 15 Euro

Autorin des TV-Beitrags: Marion Ammicht

Stand: 07.06.2020 15:55 Uhr

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