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Im Epizentrum der Epidemie

"Wuhan Diary" der chinesischen Schriftstellerin Fang Fang

PlayDie Schriftstellerin Fang Fang am 22. Februar 2020 in Wuhan
Im Epizentrum der Epidemie | Video verfügbar bis 07.06.2021 | Bild: AFP

Sie ist die Chronistin von Wuhan: die international renommierte chinesische Schriftstellerin Fang Fang. Zwei Monate lang, vom 25. Januar bis zum 24. März, schrieb sie in ihrer Wohnung über das Leben in der abgeriegelten Stadt und veröffentlichte ihr Tagebuch online. Schnell wurde sie als Stimme der Eingeschlossenen populär. Mehr als 50 Millionen Follower lasen ihre Einträge. Doch dann änderte sich die politische Großwetterlage. Die Volksrepublik geriet im Ausland unter Druck. Seither beschimpfen chinesische Nationalisten Fang Fang als "Marionette des Westens". Mit der Veröffentlichung ihres "Wuhan Diary" in internationalen Verlagen – auf Deutsch erschien das Buch Ende Mai bei Hoffmann und Campe – habe sie ihr Land verraten. ttt spricht mit dem Übersetzer Michael Kahn-Ackermann, ehemals Leiter des Goethe-Instituts Peking, und mit der Bloggerin Zhang Miao.

Im Zentrum der Kritik

Menschen legen Blumen an einer Gedenktafel ab
Gedenken an die Opfer der Corona-Pandemie in Wuhan, April 2020 | Bild: laif / Wang He

Wuhan – Millionenstadt im Osten Chinas – war Ausgangspunkt der Coronakrise. Und hier wurde die Epidemie auch besiegt. So jedenfalls will es die offizielle chinesische Berichterstattung. Für sie ist Wuhan ein Symbol für die Überlegenheit des Systems. Fang Fang liebt ihre Heimatstadt. Im Alter von zwei Jahren zog sie mit ihrer Familie nach Wuhan, wo sie auch heute noch lebt. In ihrem Tagebuch aber ist Wuhan nicht die Stadt der Helden, sondern die Stadt der Opfer. Sie schreibt über die Angst der Bürger, über die Mühen des Alltags und das Versagen der Behörden. Deswegen ist sie zur Zielscheibe eines gigantischen Shitstorms geworden. Chinesische Verlage haben auf staatlichen Druck ihr Interesse an einer Buchveröffentlichung zurückgezogen. Die massive Einschüchterungskampagne hat die 65-Jährige zum Schweigen gebracht. Westlichen Medien gibt sie keine Interviews mehr.

Michael Kahn-Ackermann
Michael Kahn-Ackermann | Bild: WDR

"Es geht ihr natürlich nicht besonders gut", sagt ihr Übersetzer Michael Kahn-Ackermann, einer der bekanntesten deutschen Sinologen. "Sie erhält Morddrohungen. Sie wird als Landesverräter, als Agentin des CIA beschimpft. Und die Zensur lässt das alles zu.  Es ist einfach ein Ausdruck gesunden Menschenverstandes, sich in diesem Moment nicht auch noch mit ausländischen Journalisten zu unterhalten."

"Eng mit den Schwachen verbunden"

Dabei ist Fang Fang keine Dissidentin. Sie wurde gleich zu Beginn ihrer Karriere mit einem Staatspreis ausgezeichnet. Als offiziell anerkannte Schriftstellerin durfte sie frei auf ihrem Blog schreiben. In einem vor Corona entstandenen Video hat sie die Aufgabe der Literatur so beschrieben: Sie "ermutigt und kümmert sich um die Menschen, die nicht im Rampenlicht der Gesellschaft stehen, sie ist in ihrem Wesen eng mit den Schwachen verbunden." Nun ist ihr diese Überzeugung zum Verhängnis geworden. Denn sie widerspricht der Doktrin, dass der Staat für das Wohl der Bürger sorgt. "Die Wuhaner Führung verlangt, dass die Bevölkerung gegenüber Partei und Staat Dankbarkeit demonstriert", schreibt Fang Fang auf ihrem Blog. "Das ist eine höchst merkwürdige Sichtweise. Die Regierung ist die Regierung des Volkes, sie ist dazu da, dem Volk zu dienen, nicht umgekehrt."

"Die dunkle Seite Chinas"

Zhang Miao
Zhang Miao | Bild: WDR

Die chinesische Bloggerin Zhang Miao weiß, wovon Fang Fang spricht. "Man hat das Gefühl, dass man dauernd zur Dankbarkeit verpflichtet ist. Das gilt überall, bis ins Private hinein. Wenn du dich nicht dankbar zeigst, dann strahlst du etwas Negatives aus. Du bist dann die dunkle Seite Chinas." Seit vier Jahren lebt Zhang Miao in Deutschland. Zuvor war sie in China als Assistentin einer deutschen Journalistin ins Fadenkreuz der Behörden geraten. Im Oktober 2014 wurde sie festgenommen, saß neun Monate in Untersuchungshaft und kam mit Hilfe deutscher Politiker frei. Sie unterstützt Fang Fang. Aber in China ist ihre Stimme nicht zu hören. Alle ihre Social-Media-Kanäle wurden gesperrt.

Reformwille gegen Nationalismus

In China hat sich der Druck erhöht. Die Nationalisten machen Front gegen die Liberalen. Das war auch auf dem diesjährigen Volkskongress zu spüren, der am 22. Mai in Peking begann. Michael Kahn-Ackermann: "Es gibt im Moment eine sehr starke Spannung zwischen einer politischen Führung, die versucht, diesen Nationalismus für sich nutzbar zu machen, und einer Schicht von Personen, die aus persönlicher Erfahrung die  Politik der Öffnung und der Reform als eine große Chance sehen, das Land in eine liberalere Entwicklung zu bringen."

Fang Fang gehört zu den Liberalen. Sie ist zur Zeit der Kulturrevolution groß geworden und weiß, dass es sich lohnt, für die Freiheit zu kämpfen. "Ohne Reform und Öffnung gäbe es kein Heute, einschließlich meines Rechtes, ein öffentliches Tagebuch zu schreiben." Nun steht diese Freiheit wieder in Frage.

Buchtipp

Fang Fang: Wuhan Diary.
Tagebuch aus einer gesperrten Stadt.
Hoffmann und Campe 2020, Preis: 25 Euro

Autorin des TV-Beitrags: Claudia Kuhland

Stand: 09.06.2020 17:23 Uhr

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