SENDETERMIN So., 08.03.20 | 23:05 Uhr | Bayerisches Fernsehen

Aus dem Innern einer deutschen Sekte

ARD-Doku über die "Colonia Dignidad"

Paul Schäfer mit einer Gruppe von Jungen (ca. 1968)
Paul Schäfer mit einer Gruppe von Jungen (ca. 1968) | Bild: WDR/LOOKSfilm

Es war ein Ort des Grauens: Weit im Süden Chiles gelegen, fast 400 Kilometer entfernt von der Hauptstadt Santiago de Chile, führte Sektengründer Paul Schäfer fast 40 Jahre lang in der "Colonia Dignidad" – der "Kolonie der Würde" – ein Schreckensregime. Jetzt kommt Annette Baumeisters Dokumentation "Colonia Dignidad – Aus dem Innern einer deutschen Sekte" ins Fernsehen. Zum ersten Mal erzählen ehemalige Mitglieder vor der Kamera von ihren traumatischen Erlebnissen. Der Operationschef der rechten Miliz "Patria y Libertad" berichtet über Schäfers enge Verbindung zu den Putschisten gegen Präsident Salvador Allende. Und chilenische Pinochet-Opfer sprechen über die Folter in den Kellerräumen der Kolonie. ttt hat die Regisseurin Annette Baumeister am Rande der Berlinale getroffen. "Colonia Dignidad" ist am 16. und 23. März um 22.45 Uhr im Ersten zu sehen und im Anschluss in der Mediathek. Arte zeigt die Dokumentation als Vierteiler am 10. März von 20.15 Uhr bis 23.50 Uhr.

Rückzug ins "Paradies"

"Die Colonia Dignidad ist eine bundesrepublikanische Geschichte, die ihre Wurzeln in der Nazi-Zeit hat. Und sie erzählt ganz, ganz viel letztendlich auch über die Bundesrepublik und dieses Wegschauen und über unser Selbstverständnis", sagt Annette Baumeister.

Tanzende Mädchen in der Colonia Dignidad
Vermeintliche Idylle | Bild: WDR/LOOKSfilm

Paul Schäfer, selbsternannter Prediger und Gründer eines Jugendheims in der Nähe von Bonn, floh 1961 vor einer drohenden Anklage wegen Kindesmissbrauchs nach Chile. Fernab der Zivilisation gründete er mit seinen Anhängern ein deutsches Musterdorf mit Landwirtschaft, Viehzucht, Werkstätten und einem Krankenhaus für die einheimische Bevölkerung. Sein Versprechen an die Kolonisten: ein bibeltreues Leben, von der Gemeinschaft getragen, im Dienst an Gott und den Armen.

Die Hölle

Doch die Wirklichkeit sah anders aus. Statt im Paradies waren die 300 Deutschen in der Hölle gelandet. Abgeschottet von der Außenwelt, war der Alltag in der Kolonie geprägt von harter Arbeit, Erniedrigung und Gewalt. Der Sektenführer kontrollierte jede freie Minute, drohte und strafte, zwang zur Denunziation, um aus den Opfern Täter zu machen. Wer sich wehrte, wurde mit Tabletten ruhiggestellt und mit Elektroschocks "behandelt".

Paul Schäfer mit zwei Schäferhunden
Paul Schäfer um 1970 | Bild: WDR/LOOKSfilm

Beziehungen zwischen Männern und Frauen waren verboten. Die Kinder lebten von den Eltern getrennt. So fiel es Schäfer leicht, die Jungen abhängig und gefügig zu machen. "Für mich waren die Nächte mit ihm, ehrlich gesagt, eine unheimliche Qual", sagt Robert Matthusen. Er wurde 1971 in der Kolonie geboren und wusste lange nicht, wer seine Eltern oder Geschwister waren. "Ich habe mich verpflichtet gefühlt, mich Schäfer zu nähern, so peinlich das auch ist, weil ich sonst einen Verdacht erweckt hätte, mit irgendjemand anderem Verkehr zu haben." Martin Matthusen, sein Bruder, erinnert sich: "Das Einzige, was man an Liebkosung oder auch an Zuwendung erlebt hat, das kam von ihm."

Handlager des Pinochet-Regimes

Obwohl es immer wieder Berichte über sexuellen Missbrauch in der Kolonie gab, blieb Schäfer unbehelligt. Bedroht fühlte er sich erst, als Salvador Allende 1970 an die Macht kam und Großgrundbesitzer enteignete. Schäfer verbündete sich mit den rechten Gegnern des Sozialisten und schwor seine Gemeinschaft auf den Kampf gegen den Kommunismus ein.

1973 putschte General Augusto Pinochet und errichtete eine faschistische Militärdiktatur, zu der Paul Schäfer enge Kontakte pflegte. In den abgeschotteten Kellerräumen der Kolonie ließ er Pinochets Schergen unzählige Regimegegner foltern und töten. Auch mit Waffenlieferungen war er der Junta behilflich. Als die USA 1976 ein Embargo über Chile verhängten, schaffte er mithilfe seiner westdeutschen Kontakte Kriegsgerät ins Land.

Unter dem Schutz deutscher Politiker

Regisseurin Annette Baumeister
Regisseurin Annette Baumeister | Bild: WDR

Auf die schweren Anschuldigungen von Amnesty International reagierte Schäfer mit Verleumdungsklagen. Unter dem Schutz deutscher Diplomaten fühlte er sich unangreifbar. Konservative Politiker wie der damalige bayerische Ministerpräsident Franz Josef Strauß besuchten die "Colonia Dignidad" und ließen sich als Freunde hofieren. "Den 300 Menschen und ihren Interessen und ihrem Wohl standen große, große politische Interessen entgegen", sagt Annette Baumeister. "Und offensichtlich – anders kann ich es mir nicht erklären – gab es da eine Entscheidung, dass die Interessen der Kolonisten nicht so wichtig sind."

Erst als die chilenischen Behörden gegen ihn zu ermitteln begannen, tauchte Schäfer 1997 unter. Am 10. März 2005 wurde er in Argentinien verhaftet. Ein Gericht in Santiago de Chile verurteilte ihn wegen Kindesmissbrauchs, Freiheitsberaubung, Zollbetrugs und Zwangsadoption zu einer langen Haftstrafe. Am 24. April 2010 starb er im Alter von 88 Jahren in einem chilenischen Gefängniskrankenhaus. 

Die Geschichte der "Colonia Dignidad" ist aber noch nicht zu Ende. Auf dem Gelände der ehemaligen Kolonie steht heute die "Villa Baviera", ein deutschtümelndes Touristenzentrum. Bisher wurde in Deutschland keiner von Schäfers Helfershelfern verurteilt. Viele der Täter laufen frei herum, während die Opfer noch immer unter ihren traumatischen Erfahrungen leiden. Annette Baumeister hat ihnen eine Stimme gegeben.

Autor des TV-Beitrags: Joachim Gaertner

Stand: 09.03.2020 00:06 Uhr

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