SENDETERMIN So., 08.03.20 | 23:05 Uhr | Bayerisches Fernsehen

Verschleppt, versklavt, stigmatisiert

Edna O’Briens Roman über ein Chibok-Mädchen

PlayDie irische Schriftstellerin Edna O'Brien
Verschleppt, versklavt, stigmatisiert | Video verfügbar bis 08.02.2021 | Bild: WDR

Sie ist die Grande Dame der irischen Literatur und streitbare Vorkämpferin der Emanzipation: Edna O’Brien. In den 1960er Jahren lösten ihre Bücher über weibliche Sexualität, männliche Gewalt und die Bigotterie in der irischen Provinz Skandale aus. Ihr Debüt "The Country Girls" wurde auf dem Kirchhof ihres Heimatdorfes verbrannt. Ihre nächsten sechs Romane durften in Irland gar nicht erst erscheinen. International war Edna O'Brien da längst ein Star.

Jetzt erscheint ihr neuer Roman "Das Mädchen". Darin erzählt die 89-jährige Schriftstellerin die Geschichte von Maryam, die 2014 von der islamistischen Terrormiliz Boko Haram in Nigeria verschleppt wurde. ttt hat Edna O'Brien in London getroffen.

"Bringt unsere Mädchen zurück"

Frauen in Nairobi fordern im Mai 2014 die Freilassung der Mädchen.
Frauen in Nairobi fordern im Mai 2014 die Freilassung der Mädchen. | Bild: WDR/dpa

#BringBackOurGirls – dieser Hashtag berührte 2014 Menschen in aller Welt. Es war ein Aufruf zur Solidarität mit mehr als 200 entführten Mädchen und ihren Familien. In der Nacht vom 14. auf den 15. April 2014 hatten Boko Haram-Terroristen die Schülerinnen der "Government Secondary School" in Chibok im Nordosten Nigerias in ihre Gewalt gebracht.

Als die Welt vom Schicksal der entführten Mädchen erfuhr, begann Edna O’Brien mit ihren Recherchen. Ein Zeitungsartikel über eine junge Frau, die aus der Gefangenschaft fliehen konnte, hatte sie tief bewegt. 2016 und 2017 reiste sie nach Nigeria, sprach mit Ärzten, Traumatherapeuten und Journalisten. Vor allem aber fand sie Zugang zu einigen der Mädchen, denen die Flucht gelungen war. "Ich kam nicht als Journalistin, sondern als Schriftstellerin", sagt sie. "Was sie mir erzählten, war wie ein riesiges Mosaik, das ich zusammensetzen musste."

Das Mädchen Maryam

In ihrem Roman verwebt Edna O’Brien die authentischen Berichte zu einer fiktiven Geschichte. Maryam, die Ich-Erzählerin, ist zu ihrer Familie zurückgekehrt, nachdem sie wie ihre Mitschülerinnen aus ihrer nigerianischen Schule entführt und an einem unbekannten Ort festgehalten worden war.

Das Buch beginnt mit Maryams Erinnerung an den Moment, als die Boko-Haram-Terroristen in den Schlafraum eindringen und die Hölle beginnt. "Ich war einmal ein Mädchen, aber ich bin es nicht mehr. Ich rieche. Bin voller getrocknetem, verkrustetem Blut, und mein Kleid ist zerfetzt. Mein Inneres ein Morast. Eine Getriebene in diesem Wald, den ich sah, als in jener ersten schrecklichen Nacht meine Freundinnen und ich aus der Schule entführt wurden." Sie erzählt von den Qualen, denen die Mädchen ausgesetzt waren, von den Erniedrigungen und Vergewaltigungen, aber auch davon, wie die Mädchen sich gegenseitig trösteten und versuchten, selbst in größter Not ihre Würde zu bewahren. 

Der lange Weg zurück ins Leben

Maryam wird gezwungen, einen ihrer Entführer zu heiraten, wird schwanger und bekommt eine Tochter. Dass ihr gemeinsam mit dem Kind die Flucht gelingt, dass sie den beschwerlichen Weg durch Wald und Wüste übersteht, dass sie zurückfindet zu ihrer Familie, grenzt an ein Wunder.

Einige der 21 freigelassenen Chibok-Mädchen, Oktober 2016
Einige der 21 freigelassenen Chibok-Mädchen, Oktober 2016 | Bild: Reuters/Afolabi Sotunde

Doch es wird nicht alles gut mit der Heimkehr. Auch als sie sich in Sicherheit befindet, sind die Qualen nicht vorbei. Von ihren traumatischen Erfahrungen verfolgt, stößt Maryam auf Unverständnis, ja Ablehnung. Ihr Schicksal hat die Familie ruiniert. Als unverheiratete Mutter bringt sie Scham und Schande über ihre Angehörigen. Maryam trifft aber auch auf Hilfsbereitschaft und Mitgefühl. Und so ist ihre Erzählung auch die Geschichte ihres langen Weges zurück ins Leben.

"Ein mutiges Buch"

"Ein mutiges Buch über eine mutige Seele", hat der südafrikanische Nobelpreisträger J. M. Coetzee über "Das Mädchen" gesagt. Der Roman ist auch ein Buch über Edna O'Briens Lebensthema: Gewalt gegen Frauen und ihren unbändigen Willen zum Widerstand. Sie hat ihn den Müttern und Töchtern des nordöstlichen Nigeria gewidmet. Zwar sind nach mühsamen Verhandlungen viele der entführten Mädchen in ihr Heimatdorf Chibok zurückgekehrt, über hundert aber sind noch immer verschleppt.

Autorin des TV-Beitrags: Brigitte Kleine

Veranstaltungstipp

Edna O'Brien ist am 14. März im Rahmen der Lit.Cologne in der Stadthalle Köln-Mülheim zu Gast.

Buchtipp

Edna O'Brien: Das Mädchen.
Hoffmann und Campe 2020, Preis: 23 Euro

Stand: 08.03.2020 23:54 Uhr

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