SENDETERMIN So., 08.11.20 | 23:05 Uhr | Das Erste

Migration als Lebensthema

Fotograf Enri Canaj erzählt vom Schicksal der Flüchtlinge

PlayEin Junge schläft auf der Straße im Flüchtlingslager
Migration als Lebensthema  | Video verfügbar bis 08.11.2021 | Bild: Enri Canaj, Magnum Photos

Was Flucht bedeutet, weiß Enri Canaj aus eigener Erfahrung. 1980 in Tirana geboren, floh er als Kind mit seiner Familie aus Albanien nach Athen und lebte dort lange ohne Papiere. Heute arbeitet er für die renommierte Fotoagentur Magnum. Seine vielfach prämierten Fotos erzählen vom Schicksal der Flüchtlinge und den Krisen der Migrationspolitik. Auch als Anfang September Europas größtes Flüchtlingslager in Moria brannte, war Canaj vor Ort. Zurzeit erstellt er eine Fotoserie über die Situation der Menschen, die von Lesbos aufs Festland evakuiert wurden. Obwohl sie als Asylbewerber anerkannt sind, stranden sie mittellos in Athen und finden sich auf dem Viktoriaplatz ohne Obdach wieder. Außerdem bereitet er ein Buch vor, in dem er die Situation der Flüchtlinge seit 2015 dokumentiert. ttt hat mit ihm in Griechenland gesprochen.

Alptraum Moria

Nach dem Brand in Moria. Eine Frau sitzt mit ihren Kindern auf der Straße
Nach dem Brand in Moria | Bild: Enri Canaj, Magnum Photos

Das Flüchtlingslager in Moria war das größte in Europa, ein sogenannter Hotspot der EU. Zeitweise lebten 20.000 Menschen in dem für maximal 2.800 Bewohner konzipierten Camp. In der Nacht vom 8. auf den 9. September kam es zur Katastrophe. Ein Großbrand zerstörte das Lager. Mehr als 13.000 Menschen landeten auf der Straße. "Ich erinnere mich, dass man die Erschöpfung und die Angst in ihren Augen sehen konnte", sagt Enri Canaj, "aber auch die Hoffnung, dass der Alptraum Moria nun vorbei ist."

Enttäuschte Erwartungen

Doch das, was folgte, hat die Hoffnungen nicht erfüllt. Im Gegenteil. Auch im neu errichteten Ersatzlager Karatepe, nur drei Kilometer von Moria entfernt, leben die rund 7.500 Bewohner unter menschenunwürdigen Bedingungen. Im Oktober wurde ein Teil der Zelte vom starken Regen überschwemmt. Es fehlt an fließendem Wasser, Lebensmitteln und medizinischer Versorgung.

Menschenschlange in Karatepe
In Karatepe | Bild: Enri Canaj, Magnum Photos

Für Beobachter von außen ist Karatepe weitgehend gesperrt. Enri Canaj ist einer der wenigen, die Zugang haben – allerdings nur in Begleitung der Polizei. "Hier ist es für mich noch schlimmer. Es gibt nicht genug Toiletten, es gibt keine Duschen. Die Menschen gehen zum Meer, um sich zu waschen. Dieser Ort ist denkbar ungeeignet, um sich dort länger aufzuhalten. Deshalb war er von den Einheimischen bisher auch nie bewohnt." 

Von Lesbos nach Athen

Dass die griechische Regierung das Asylverfahren beschleunigt hat, sollte die Situation entspannen. Tatsächlich ist die Zahl der Flüchtlinge, die auf den griechischen Inseln untergebracht sind, in den letzten Monaten gesunken. Wer als Asylbewerber anerkannt ist, darf das Lager verlassen und aufs Festland ziehen. "Wenn die Menschen in Athen ankommen, sind sie wirklich glücklicher", berichtet Enri Canaj. "Aber diese Freude währt nicht lange, weil sie dann vor denselben Problemen stehen wie vorher. Sie haben kein Essen, keine Unterkunft, und sie müssen selbst Geld verdienen, um sich zu ernähren, was derzeit in Griechenland und insbesondere in Athen sehr schwierig ist." Und so ist der Viktoriaplatz zur Anlaufstelle für all jene geworden, die nicht wissen, wie es weitergehen soll.

"Das alles ist mir so vertraut"

Der Fotograf Enri Canaj
Der Fotograf Enri Canaj | Bild: WDR

Enri Canaj hat in den letzten Jahren viele Menschen kennengelernt, die aus ihrer Heimat fliehen mussten. Bis nach Deutschland und Schweden hat er ihre Lebenswege begleitet. "Das alles ist mir so vertraut. Wenn ich ihr Schicksal verfolge, dann ist es, als würde ich mein eigenes Leben in Wiederholung sehen." Seine Begegnungen will er nun in einem neuen Buch dokumentieren. Es wird auch von der Stärke der Menschen erzählen, die unter widrigsten Bedingungen ums Überleben und um ihre Zukunft kämpfen. Und es wird Europa daran erinnern, dass die Menschenrechte für alle gelten.

Autorin des TV-Beitrags: Susanna Schürmanns

Stand: 08.11.2020 15:57 Uhr

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