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Wegen Klimasünden vor Gericht

Andres Veiels Endzeit-Kammerspiel "Ökozid"

Play"Ökozid". In den Hauptrollen Nina Kunzendorf, Friederike Becht, Ulrich Tukur, Edgar Selge (v.l.n.r.).
Wegen Klimasünden vor Gericht | Video verfügbar bis 08.11.2021 | Bild: rbb/zero one film/Julia Terjung

Haben Staaten die Pflicht, den Klimawandel zu stoppen? Das ist die Frage, die vor dem Internationalen Gerichtshof verhandelt wird. Nicht jetzt, aber in naher Zukunft – im Jahr 2034, in das uns der TV-Film "Ökozid" führt. 31 Staaten des globalen Südens haben die Bundesrepublik auf Schadensersatz verklagt. Sie beschuldigen Deutschland, durch seine Politik mitverantwortlich für ihre katastrophale Lage zu sein. Wird der Gerichtshof die Klage zulassen? Regisseur Andres Veiel hat das Science-Fiction-Kammerspiel mit hochkarätiger Besetzung (Nina Kunzendorf, Ulrich Tukur, Edgar Selge, Friederike Becht u. a.) gedreht. Zu sehen ist es am Mittwoch, den 18. November 2020, um 20:15 Uhr im Rahmen der ARD-Themenwoche im Ersten. ttt hat mit Andres Veiel in Berlin gesprochen.

Wäre die Katastrophe zu verhindern gewesen?

Es geht um die ganz großen Fragen: Schuld, Verantwortung und das Recht der Natur auf Unversehrtheit. Wir schreiben das Jahr 2034. Die Folgen des Klimawandels sind dramatisch. Dürre und Hochwasser haben die Lebensgrundlage von Millionen Menschen vernichtet. Wäre diese Katastrophe zu verhindern gewesen?

Der Film blickt aus der Zukunft zurück auf unsere Gegenwart: auf die Jahre zwischen 1998 und 2020. Verhandelt wird vor dem Internationalen Gerichtshof, der in Berlin tagt. Auch das eine Folge des Klimawandels, denn das Gebäude in Den Haag ist von mehreren Sturmfluten zerstört worden.

"Ökozid". Szenenfoto mit den beiden Anklagevertreterinnen Wiebke Kastager (Nina Kunzendorf) und Larissa Meybach (Friederike Becht)
Die beiden Anklagevertreterinnen Wiebke Kastager (Nina Kunzendorf) und Larissa Meybach (Friederike Becht) | Bild: rbb/zero one film/Julia Terjung

Die Kläger, vertreten von einem Anwaltsteam um Wiebke Kastager (Nina Kunzendorf), wollen nachweisen, dass die Bundesrepublik aktiv die Klimaschutzvorgaben der EU torpediert, Gesetze abgeschwächt oder sogar verhindert hat. Victor Graf (Ulrich Tukur) ist Wiebke Kastagers Gegenspieler. Er verteidigt die Bundesrepublik und will beweisen, dass keine Gesetze gebrochen wurden, die Regierungen demokratisch legitimiert und zum Wohle Deutschlands gehandelt haben.

Klimasünden vor Gericht

Regisseur Andres Veiel
Regisseur Andres Veiel | Bild: WDR

Das Gerichtsdrama nimmt die europäische Klimaschutzpolitik der vergangenen zwei Jahrzehnte unter die Lupe - und zwar genau das, was tatsächlich passierte. Dem Film liegen ausführliche Recherchen zu Grunde. Er basiert auf Originaldokumenten, bezieht sich auf politische Entscheidungen und den Stand der wissenschaftlichen Forschung. "Ich war fassungslos, wie viel in den Jahren 1998 bis 2020 boykottiert, ausgesetzt, ausgesessen, relativiert, verharmlost und dementsprechend dann nicht umgesetzt wurde", sagt Regisseur Andres Veiel. "Diese Chance, Milliarden Tonnen von CO2 einzusparen, deutschlandweit und europaweit, dass diese Chance mutwillig, vorsätzlich, vertan wurde, war für mich dann absolut plausibel, dass daraus eine Klage folgt von den Ländern, die viel mehr vom Klimawandel betroffen sind als Deutschland."

Präzedenzfall

Im Prozess werden Vertreterinnen und Vertreter aus Umweltschutz, Politik und Industrie als Zeugen geladen. Im Zentrum steht Angela Merkel, die schon als Umweltministerin, vor allem aber als Bundeskanzlerin entscheidende Weichen gestellt hat.

Das Gericht unter Vorsitz des Schweizer Richters Hans-Walter Klein (Edgar Selge) muss entscheiden, ob die deutsche Politik für ihr Versagen beim Klimaschutz zur Verantwortung gezogen und ein Präzedenzfall geschaffen wird. Andres Veiel: "Entscheidend ist, dass es ein Präzedenzurteil gibt. Das heißt, wenn das Gericht sich zu einem Urteil gegen die Bundesrepublik durchringt, können auch andere Staaten verklagt werden, möglicherweise in Abwesenheit. Sprich: Die USA, Russland oder China könnten dann auch auf Schadensersatz wegen Versäumnissen im Klimaschutz angeklagt werden."

Vertane Chancen

"Ökozid". Szenenfoto mit dem Verteidiger Victor Graf (Ulrich Tukur)
Verteidiger Victor Graf (Ulrich Tukur) | Bild: rbb/zero one film/Julia Terjung

Es wird gestritten und gerungen. Dabei sind die Argumente beider Seiten erstaunlich einleuchtend. "Für mich ist wichtig, der Verteidigung der Bundesrepublik Deutschland durchaus plausible Argumente zu geben", sagt Andres Veiel. "Aber in der Sachermittlung, wenn man so will, muss ich für mich als Unparteiischer, der diese Recherche durchgeführt hat, einfach konstatieren: Wir haben große Chancen gehabt, und die Politik hat sie nicht genutzt." 

Der Film macht deutlich, welche Interessen die Klimaschutzpolitik bestimmen, welche Macht die Lobbyisten haben und wie Kampagnenmanager die Öffentlichkeit beeinflussen. In hochkonzentrierter Form führt "Ökozid" die Kernpunkte der Debatte zusammen und lässt uns in eine apokalyptische Zukunft schauen, die wir heute noch verhindern können. Andres Veiel: "Ich glaube, dass diese Debatte dringend geführt werden muss, über die Vergangenheit der Versäumnisse in der Klimaschutzpolitik. Nicht um abzurechnen und zu sagen: Ihr habt alle versagt. Sondern entscheidender ist, die richtigen Schlüsse für heute und morgen zu ziehen. Diese Aufforderung, die geht an die Politik. Und das, hoffe ich, ist die Schlussfolgerung aus diesem Film."

TV-Tipp

Themenabend Klimakrise am 18. November 2020 im Ersten:
20.15 Uhr: "Ökozid"
21.45 Uhr: maischberger.Thema über den Film "Ökozid" und die Schuldfrage in der Klimakrise

Autorin des TV-Beitrags: Marion Ammicht

Stand: 09.11.2020 09:23 Uhr

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