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Amerika hat gewählt

Joe Bidens Sieg in einem zerrissenen Land

PlayJoe Biden bei einer Ansprache am 7.11.2020 in Wilmington, Delaware.
Joe Bidens Sieg in einem zerrissenen Land | Video verfügbar bis 08.11.2021 | Bild: ddp images

Es war ein Thriller, der die USA, Deutschland und die Welt vier Tage in Atem hielt. Aus der Schicksalsentscheidung war eine Zitterpartie geworden, die erst am Samstag zu Ende ging.  Joe Biden wird der 46. Präsident der Vereinigten Staaten. Donald Trump, der Ex, macht allerdings wahr, was er monatelang angekündigt hat. Eine Niederlage will er nicht akzeptieren. Und so mischen sich unter die Bilder der Siegesfeiern auch Aufnahmen von Wahllokalen im Belagerungszustand. In mehreren Staaten haben Trumps Anwälte gegen die Auszählung geklagt. Noch bevor sein Nachfolger ins Weiße Haus eingezogen ist, hat Trump begonnen, ihn zu destabilisieren.

Auch wenn viele Prognosen falsch lagen – eine Voraussage ist richtig: Amerika bleibt ein zerrissenes Land. Noch immer prägt Rassismus den Alltag. Eine verfehlte Sozialpolitik und die Angst der Mittelklasse vor dem Abstieg haben die Gesellschaft noch tiefer gespalten. In den letzten Monaten erlebten die USA bürgerkriegsähnliche Zustände. Über die Stimmung in den USA, über Enttäuschungen und Erwartungen hat ttt mit den Schriftstellern Brit Bennett und Nana Kwame Adjei-Brenyah sowie dem Fotografen Ken Schles gesprochen.

"Trump kam nicht aus dem Nichts"

Der Fotograf Ken Schles auf den Straßen von New York
Der Fotograf Ken Schles im Sommer 2020 | Bild: Ken Schles

"Trump ist immer noch da. Er kämpft weiter gegen seine Niederlage an, reicht sinnlose Klagen ein", sagt Ken Schles. "Und im Hintergrund warten bewaffnete rechte Milizen. "Trump ist ein psychotischer Terrorist. Er muss nur irgendwas sagen, und die Leute nehmen seine Phrasen als Anlass loszuschlagen, auf sehr gewaltsame Weise." Der Fotograf und Künstler ist ein Chronist der Trump-Ära. Die Proteste gegen ihn hat er nicht nur als Beobachter, sondern auch als Teilnehmer begleitet. Er lebt in New York und war auch im vergangenen Sommer dabei, als die Menschen gegen den Rassismus protestierten. Ken Schles hat in die Gesichter der Verzweifelten, Trauernden und Zornigen geblickt. Er hat gesehen, wie die Wut wuchs, und er weiß, dass man für Veränderungen kämpfen muss. "Trump kam ja nicht aus dem Nichts. Er ist ja nur ein Symptom für Probleme in diesem Land. Und auch diesmal hat fast die Hälfte dieses Landes Trump gewählt, obwohl alle wussten, dass er ein Betrüger ist, ein Narzisst, kriminell, ein Faschist – ein schrecklicher, schrecklicher Mensch."

Horrorstorys aus dem US-Alltag

Nana Kwame Adjei-Brenyah
Nana Kwame Adjei-Brenyah | Bild: WDR

Amerikas Zerrissenheit hat der junge Schriftseller und Aktivist Nana Kwame Adjei-Brenyah in zwölf spektakuläre Kurzgeschichten gegossen. Sie sind grell, hart und verstörend, Horrorstorys mitten aus dem US-Alltag. Der Dreißigjährige erzählt, was es heißt, als People of Colour in einem von Rassismus und Gewalt geprägten Land zu leben. "Donald Trump ist so etwas wie die Verkörperung meiner Geschichten. Er ist surreal. Er verschleiert den Horror nicht, den es in Amerika gibt. Er hat nicht das Bedürfnis – oder vielleicht auch nicht die Mittel, die Intelligenz, die Fähigkeit – zu verbergen, was er ist und was so große Teile von Amerika ausmacht. In meinen Geschichten passiert das Gleiche: Sie sagen einfach, was Sache ist." Sein Debüt "Friday Black" wurde im vergangenen Jahr mehrfach ausgezeichnet und stand auf der Bestsellerliste der New York Times.

Proteste gestern und heute

Brit Bennett
Brit Bennett | Bild: WDR

Die "Black Lives Matter"-Bewegung sieht Nana Kwame Adjei-Brenyah in einer langen Tradition. Seit den 1960er Jahren hat die Bürgerrechtsbewegung einiges erreicht. Deutlich wird das in Brit Bennetts aktuellem Roman "Die verschwindende Hälfte". Die Autorin gilt als eine der wichtigsten jungen Stimmen der US-Literatur. Mit ihrem Essay "I Don’t Know What to Do With Good White People" wurde sie 2014 in den USA berühmt. Ihr neuer Roman erzählt von zwei Zwillingsschwestern, die in einem Südstaaten-Nest aufwachsen und unterschiedliche Wege gehen: Die eine versucht, das Leben einer Weißen zu führen, die andere bleibt in der schwarzen Community. "Im letzten Jahr gab es eine Menge Aufmerksamkeit für die Proteste. Aber Leute haben schon immer protestiert und sich für ihre Sache eingesetzt. In der Zeit, in der mein Buch spielt, hat die Bürgerrechtsbewegung gegen Lynchjustiz gekämpft. Der Unterschied zu heute ist einfach, dass jetzt mehr Weiße darauf aufmerksam werden." In den USA wird "Die verschwindende Hälfte" als das Buch zur "Black Lives Matter"-Bewegung gefeiert.  

Der Kampf geht weiter

Die Probleme haben sich geändert, aber sie sind nicht verschwunden. Rassismus sieht heute anders aus: Weiße haben die besseren Jobs, werden medizinisch besser versorgt, stehen bei der Polizei nicht unter Generalverdacht. Ein neuer Präsident wird die alten Denkmuster nicht über Nacht verändern. Trotzdem ist für Brit Bennett, Nana Kwame Adjei-Brenyah und Ken Schles entscheidend: Donald Trump ist Geschichte. Joe Biden ist für sie nicht der große Hoffnungsträger, der alle Probleme löst. Für sie ist klar: Der Kampf geht weiter. Die Arbeit fängt jetzt erst an.

Buchtipps

Brit Bennett: Die verschwindende Hälfte.
Rowohlt Verlag 2020, Preis: 22 Euro

Nana Kwame Adjei-Brenyah: Friday Black.
Penguin Verlag 2020, Preis: 20 Euro

Autoren des TV-Beitrags: Joachim Gaertner/Juergen Fraenznick

Stand: 09.11.2020 09:12 Uhr

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