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Auf der Suche nach Europas schwarzer Identität

Johny Pitts' Reportage "Afropäisch"

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Johny Pitts' Reportage "Afropäisch" | Video verfügbar bis 10.01.2022 | Bild: WDR

Was bedeutet es, schwarz und europäisch zu sein? Dieser Frage ist der Journalist, Musiker, Schriftsteller, Blogger und Fotograf Johny Pitts auf einer Reise durch Europa nachgegangen. Einen Winter lang war er kreuz und quer auf dem Kontinent unterwegs – immer auf der Suche danach, was schwarze Kultur bedeutet und wie sehr sie die europäische Identität geprägt hat. Seine Beobachtungen und Erfahrungen sind als Buch unter dem Titel "Afropäisch" bei Suhrkamp erschienen. Im März wird er dafür mit dem Leipziger Buchpreis für europäische Verständigung ausgezeichnet. ttt hat Johny Pitts, der als Sohn einer weißen Britin und eines afroamerikanischen Vaters geboren wurde, in seiner Heimatstadt Sheffield gesprochen.

Der Traum vom Multikulturalismus

Aufgewachsen ist er in einem Arbeiterviertel von Sheffield. Hier hat er schon als Jugendlicher das Nebeneinander der unterschiedlichsten Kulturen erlebt, auch ihr allmähliches Auseinanderdriften, das – wie er sagt – letztlich zum Brexit geführt habe. Diesem Auseinanderfallen wollte er nachgehen, gleichzeitig nach einem Gegenpol suchen: dem "Afropäischen". "Ich hatte das Gefühl, dass der Multikulturalismus sich aufzulösen begann. Und so habe ich mich daran gemacht, ihn wieder zusammenzusetzen."

Der Begriff "afropäisch" stammt ursprünglich aus der Musikszene. Geprägt hat ihn David Byrne von den "Talking Heads". Für Johny Pitts öffnete er eine neue Perspektive. "Ich fand die Idee einer Fusion faszinierend – nicht mehr halb und halb zu sein, 50 Prozent afrikanisch und 50 Prozent europäisch, sondern 100 Prozent afrikanisch, 100 Prozent europäisch und beides ineinander verschmelzen zu lassen."

Schwarzer Alltag in Europa

Auf seiner Reise hat Johny Pitts acht europäische Metropolen besucht. Von London aus reiste er nach Paris, weiter nach Brüssel, Amsterdam und Berlin, über Stockholm nach Moskau, zurück in den Südwesten nach Rom, Marseille, Lissabon und landete wieder auf britischem Territorium, in Gibraltar.  

In Paris erkundete er die schwarze Community von "Little Africa", streifte durch abgehängte Banlieues und folgte den Spuren James Baldwins. In Berlin traf er ghanaische Rastafarians und machte sich Gedanken über den Antirassismus der Antifa. In Moskau besuchte er die frühere Patrice-Lumumba-Universität und ließ sich erzählen, wie nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion die einst freundschaftlichen Beziehungen zu Afrika in blanken Rassismus umschlugen. In Brüssel sah er sich mit der noch immer nur unvollständig aufgearbeiteten Kolonialherrschaft im Kongo konfrontiert – so wie ihm überall das Erbe des Kolonialismus begegnete.

Unterwegs fragt er sich immer wieder selbst, was "schwarz sein" bedeutet, stellt die eigenen Gewissheiten in Frage, zweifelt an der Möglichkeit des Multikulturalismus. Erst in Marseille trifft er inmitten einer von Rassismus und Diskriminierung geprägten Gesellschaft auf ein starkes Gefühl des Miteinanders, eine wohltuende "Indifferenz gegenüber der Differenz", eine "multikulturelle Identität, die nirgendwo in Europa so gefeiert wird wie hier".

Sehnsuchtsort

Das Bild, das Pitts zeichnet, ist nicht homogen. Es gleicht eher einem Mosaik, das sich aus vielen widersprüchlichen Elementen zusammensetzt. Seine Reportagen berühren, weil sie mehr sind als Reiseberichte. Sie erzählen von einer Vielfalt schwarzen Lebens in Europa, wie sie bisher kaum geschildert wurde. Sie knüpfen Verbindungen zwischen Geschichte und Gegenwart, beschreiben die Last des Kolonialismus und den Freiheitswillen der Unabhängigkeitskämpfer. Und schließlich machen sie deutlich, wie sehr die europäische Kultur von Schwarzen beeinflusst wurde: von der Malerei über den Tanz bis zum Jazz und von Schriftstellern wie Alexandre Dumas, der eine schwarze Mutter, und Alexander Puschkin, der einen schwarzen Urgroßvater hatte.

Pitts Buch holt eine schwarze, bisher verborgene, unsichtbare, oft übersehene oder ausgelöschte schwarze Welt in das Gedächtnis Europas zurück: Weiße wie schwarze Menschen sollen sich ihrer gemeinsamen europäischen Identität bewusst werden. Und so definiert "Afropäisch" auch einen Sehnsuchtsort des Zusammenkommens, schlägt eine Brücke zwischen Geschichten, Kulturen und Menschen.

Buchtipp

Johny Pitts: Afropäisch.
Eine Reise durch das schwarze Europa
Suhrkamp Verlag 2020, Preis: 26 Euro

Autorin des TV-Beitrags: Claudia Kuhland

Die komplette Sendung steht am 10. Januar ab 20 Uhr zum Abruf in der Mediathek bereit.

Stand: 10.01.2021 19:55 Uhr

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