SENDETERMIN So., 10.01.21 | 23:05 Uhr | Das Erste

Vertrieben und ausgegrenzt

Fotoserie über die Folgen der Gentrifizierung in Lissabon

PlayFoto aus der Serie "Das neue Lissabon": Straßenszene bei Nacht
Vertrieben und ausgegrenzt: Folgen der Gentrifizierung in Lissabon | Video verfügbar bis 10.01.2022 | Bild: Gonc̜alo Fonseca

Gonc̜alo Fonseca ist in Lissabon geboren und aufgewachsen. Als er nach einem längeren Auslandsaufenthalt im Jahr 2018 nach Portugal zurückkehrte, fiel ihm auf, wie rasant sich seine Heimatstadt verändert hat. Seither dokumentiert er die dramatischen Folgen der Gentrifizierung. In seiner Fotoserie "Das neue Lissabon" zeigt er die Not der Menschen, die die explodierenden Mieten aus dem Zentrum verdrängt haben. Sie leben unter desolaten Bedingungen an der Peripherie. Viele sind obdachlos geworden. Gerade wurde seine Arbeit mit dem renommierten Leica Oskar Barnack Award 2020 für Newcomer ausgezeichnet. ttt hat Gonc̜alo Fonseca auf Motivsuche in Lissabon und zu seinen Protagonisten begleitet.

Touristen-Hotspot Lissabon

Seit einigen Jahren gehört Lissabon zu den Boomtowns der Reisebranche. Erst die Corona-Krise hat die Touristenströme versiegen lassen. Die steigende Beliebtheit bei den Reisenden hat die Stadt aber auch für Immobilienspekulanten immer attraktiver gemacht. Im großen Stil wurde saniert und gentrifiziert. Tausende Wohnungen wurden in Ferienappartements umgewandelt. Die Airbnb-Angebote explodierten. "Mittlerweile hat Lissabon mehr Airbnb-Wohnungen als Paris oder Barcelona", sagt Gonc̜alo Fonseca.

Ausverkauf von Lissabon

Gonc̜alo Fonseca fotografiert einen seiner Protagonisten
Gonc̜alo Fonseca bei der Arbeit | Bild: WDR

Hinzu kommt, dass die portugiesische Regierung im Zuge der Finanzkrise den Wohnungsmarkt – auch auf Druck der internationalen Geldgeber – liberalisiert und die Mietgesetze gelockert hat. Das hat zwar internationale Investoren ins Land geholt, gleichzeitig aber das Recht der Einheimischen auf bezahlbaren Wohnraum ausgehöhlt. "Wenn man sich eine Wohnung kauft wie eine Aktie mit keiner anderen Absicht, als damit Geld zu machen, dann hat man keinen Ärger mit Mietern, mit Verträgen. Deshalb kaufen hier Großinvestoren oder Fondsmanager ganze Gebäude und lassen sie leerstehen. "Und schließlich hat auch das umstrittene "Golden Visa"-Programm den Wohnungsmarkt unter Druck gesetzt. Es verspricht vermögenden ausländischen Bürgern eine Aufenthaltserlaubnis für den europäischen Schengenraum, wenn sie in Portugal eine Immobilie erwerben. 

Kein Platz für Ärmere

Der gigantische Ausverkauf hat das Leben von Lissabons Bewohnern unwiederbringlich verändert. Ganze Stadtteile fielen den Immobilienspekulanten zum Opfer. Alteingesessene mussten ihre Wohnungen räumen, weil die Mieten in die Höhe schossen. "Im letzten Jahr lag die Durchschnittsmiete hier bei 900 Euro, das Mindesteinkommen aber nur bei 800 Euro. In Portugal bezieht zwischen einem Viertel und einem Fünftel der Bevölkerung nur dieses Mindesteinkommen. Damit können viele keine Wohnung mehr bezahlen."

"Wohnen müssen wir alle"

Foto aus der Serie "Das neue Lissabon": spielende Kinder in einem Hausflur
Alltag am Stadtrand von Lissabon | Bild: Gonc̜alo Fonseca

Bisher war das Schicksal der an den Stadtrand Vertriebenen in der portugiesischen Öffentlichkeit kein Thema. Gonc̜alo Fonseca will das ändern und mit seinen Fotos ihre Geschichten erzählen. "Wohnen müssen wir alle, den sicheren Hafen der eigenen Wohnung braucht jeder Mensch. Bei meiner Arbeit traf ich Menschen, die dieses Glück nicht hatten. Mieter, die zu Hausbesetzern wurden, weil man sie aus ihrer Wohnung verjagt hatte, die die Miete nicht mehr zahlen konnten. Und das macht etwas mit der Seele der Menschen."

Er hat erlebt, wie sehr die Ausgegrenzten unter Druck stehen: Migranten, die weder die gleichen Rechte noch die gleichen Chancen wie die Einheimischen haben. Arme, die täglich ums Überleben kämpfen. Obdachlose, die in einer Abwärtsspirale gefangen sind. Corona hat ihre Situation noch einmal verschärft. "Wir sollen alle zu Hause bleiben, heißt die Parole. Aber was ist, wenn ich kein Zuhause habe, wenn ich auf der Straße lebe? Die Pandemie erinnert uns auch hier in Lissabon daran, und zwar mit einer ganz neuen Relevanz und Dringlichkeit, wie lebensentscheidend es sein kann, eine würdige Behausung zu haben."

Der 27-Jährige weiß, dass die Fotografie "nicht die Welt retten" kann. Für ihn ist es entscheidend, dass er bei seiner Arbeit eine Beziehung zu den Menschen aufbauen kann, ihnen Vertrauen entgegenbringt und zuhört, bevor er auf den Auslöser drückt. "Ehrlich, für mich ist es schon viel, wenn die, die ich fotografiere, sich durch meine Kamera erkannt fühlen, dass sie das Gefühl haben, mit ihren Problemen nicht vergessen zu sein."

Ausstellungstipp

Die Leica Galerie Wetzlar zeigt Gonc̜alo Fonsecas Fotografien im Rahmen einer Ausstellung, die den Gewinnern des Leica Oskar Barnack Award 2020 gewidmet ist. Allerdings ist die Galerie wegen der Coronabeschränkungen zurzeit geschlossen.

Autor des TV-Beitrags: Andreas Lueg

Die komplette Sendung steht am 10. Januar ab 20 Uhr zum Abruf in der Mediathek bereit.

Stand: 10.01.2021 20:02 Uhr

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