SENDETERMIN So., 10.01.21 | 23:05 Uhr | Das Erste

Der magische Piks

Die große Impferzählung und ihre Nebenwirkungen

PlayImpfzentrum in Bottrop
Der magische Piks: Die große Impferzählung und ihre Nebenwirkungen | Video verfügbar bis 10.01.2022 | Bild: WDR

Vor 14 Tagen, direkt nach Weihnachten, begannen die ersten Corona-Impfungen in Deutschland. Es grenzt an ein Wunder, wie schnell der Impfstoff bereitstand. Endlich, so schien es, war Licht am Ende des Tunnels zu sehen. Die Sehnsucht nach Erlösung, von Politikern und Medien seit Wochen befeuert, schien fast erfüllt. Doch dann kam die große Enttäuschung. Bei der Organisation der Impfkampagne gab es Pannen und Verzögerungen. Es folgten Kritik, Schuldzuweisungen und Streit. Mit der Verlängerung und Verschärfung des Lockdowns war klar: So schnell werden wir aus dem Alptraum der Pandemie nicht erwachen.

Mit der Entzauberung des magischen Moments hat auch eine Debatte wieder Fahrt aufgenommen, in der es um grundsätzliche Fragen geht: um das Verhältnis von individueller und kollektiver Verantwortung, um Freiheitsrechte und Gerechtigkeit und um die Rolle des Staates. Darüber hat ttt mit der Philosophin Rebekka Reinhard, dem Kulturwissenschaftler Andreas Bernard, dem Publizisten Heribert Prantl und dem Künstler Gereon Krebber gesprochen.

Enttäuschtes Heilsversprechen

Andreas Bernard
Der Kulturwissenschaftler Andreas Bernard | Bild: WDR

"Das letzte Dreivierteljahr war ja so aufgebaut, dass man gesagt hat: Jetzt ist das sehr anstrengend, aber wenn dieser Impfstoff kommt – und das Wort enthält ja schon ein bisschen so eine Art Heilsversprechen –, dann geht alles ganz schnell. Und jetzt sehen wir, dass das natürlich nicht der Fall ist, dass die politischen Probleme, die ökonomischen Fragen, die infrastrukturellen Schwierigkeiten natürlich weiterhin Bestand haben."

Das enorme Gefälle zwischen Erwartung und Realität heizt, so der Kulturwissenschaftler Andreas Bernard, die Diskussion an. Hinzu kommt ein fundamentaler Widerstreit, der die Grundfesten der Demokratie berührt: Wie lässt sich Solidarität mit individueller Freiheit vereinbaren?"Impfen ist ja verbunden mit einem Risiko, weil man sich freiwillig mit einer Krankheit infiziert, um sich dagegen immun zu machen. Also Risiko für das Individuum und gleichzeitig Schutz für die Gemeinschaft in dem Sinne, dass die Seuche überwunden werden kann, wenn möglichst viele immun sind." 

Rebekka Reinhard
Die Philosophin Rebekka Reinhard | Bild: WDR

Eine einfache Lösung wird es nicht geben. "Die Frage ist, was wir heute tatsächlich unter Freiheit verstehen, was Freiheit tatsächlich für uns bedeutet", meint die Philosophin Rebekka Reinhard. "Ich glaube, was aussteht, ist die Neuentdeckung der Freiheit im Sinne von verantwortlicher Freiheit."

Privilegien für Geimpfte?

Heribert Prantl
Der Journalist und Jurist Heribert Prantl | Bild: WDR

Um Freiheitsrechte geht es auch bei der gerade heftig diskutierten Frage nach Privilegien für Geimpfte. Sollen sie – zum Beispiel bei der Aufhebung von Kontaktbeschränkungen – bevorzugt werden? Heribert Prantl, Journalist und ehemaliges Mitglied der Chefredaktion der Süddeutschen Zeitung, ist entschieden dagegen: "Es verändert sich gerade, dass die Individualrechte immer weniger gelten. Es wird auch wieder von Volksgesundheit geredet und gesagt, die Gesundheit der gesamten Gesellschaft sei doch viel wichtiger als die Rechte des Einzelnen. Aber ich bin tatsächlich der Meinung, wenn ich so argumentiere, dann ist es auch gefährlich für das Gemeinwohl, denn der Kern und der Ausgangspunkt des Gemeinwohls sind die Rechte der Einzelnen." Grundrechte, so betont er, müssen nicht verdient werden, auch nicht dadurch, dass man sich impfen lässt. Grundrechte gelten für jeden.

"Zugriff des Staates"

Die Debatte um das Impfen hat nicht nur die Frage der Solidarität, sondern auch das Verhältnis von Staat und Bürger in den Fokus gerückt. Es geht darum, wie "stark der Zugriff des Staates auf den einzelnen sein soll", sagt Andreas Bernard. "Ich glaube, dass das politisch eine hochinteressante Zeit ist, weil im Impfen so viel deutlich wird, was sonst eher latent und beiläufig mitmischt." Rebekka Reinhard spricht von einem "Lernprozess", den wir alle gerade durchlaufen.

Der Bildhauer Gereon Krebber
Der Bildhauer Gereon Krebber | Bild: WDR

Den Bildhauer Gereon Krebber, Professor an der Düsseldorfer Kunstakademie, treibt noch eine andere Sorge um. Er stellt seine Werke im Bottroper Impfzentrum aus, das allerdings wegen des fehlenden Impfstoffes noch nicht in Betrieb ist. Hier wie überall im Lande hält man Anschläge von Impfgegnern für möglich. "Ich argumentiere einfach damit: Wir haben Verantwortung gegenüber anderen. Wenn jemand sagt, er will partout nicht geimpft werden, dann sage ich okay, damit musst du und die Gemeinschaft leben. Nur heißt das überhaupt nicht, dass man hier Mollies reinschmeißen darf."

Autorin des TV-Beitrags: Marion Ammicht

Die komplette Sendung steht am 10. Januar ab 20 Uhr zum Abruf in der Mediathek bereit.

Stand: 10.01.2021 19:38 Uhr

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