SENDETERMIN So., 10.01.21 | 23:05 Uhr | Das Erste

Toxische Männlichkeit und Frauenhass

Die Ideologie der "Incels"

PlayAutorin Veronika Kracher
Toxische Männlichkeit und Frauenhass: Die Ideologie der "Incels" | Video verfügbar bis 10.01.2022 | Bild: WDR

Es gibt Männer, die fühlen sich betrogen, gedemütigt und zu Unrecht geschmäht: enttäuscht von Frauen, die sie zurückweisen und nichts mit ihnen zu tun haben wollen. Auf der vergeblichen Suche nach einer Partnerschaft beginnen sie, den Frauen die Schuld für ihr Alleinsein zu geben. Sie verachten den Feminismus, drohen den Emanzipierten und lassen ihrer Wut freien Lauf.

Das Phänomen ist vermutlich nicht neu. Neu aber ist, dass es sich im Internet rasant verbreitet. Dort hat sich eine Subkultur entwickelt, in deren Mittelpunkt die "Incels" stehen, Männer, die im ungewollten Zölibat – "involuntary celebacy" – leben. Es ist eine Parallelwelt voller Hass und Verachtung. Zehntausende frustrierter Männer ergehen sich in Selbstmitleid, das sich bei manchen bis zu Gewaltfantasien steigert. Attentäter wie Alek Minassian, der im April 2018 mit seinem Auto zehn Menschen tötete, und Elliot Rodger, der 2014 in Kalifornien sechs Menschen ermordete, zählen dazu. Und auch der norwegische Massenmörder Anders Breivik und Stephan Balliet, der rechtsextreme Attentäter von Halle, bekannten sich zu ihrem Hass auf Frauen.

Attentäter Stephan Balliet
Der Attentäter Stephan Balliet vor Gericht | Bild: imago images / Christian Schroedter

Die Frankfurter Autorin Veronika Kracher hat in der Szene der "Incels" recherchiert und ein Buch darüber geschrieben, in dem sie ihre Geschichte erzählt und ihre Ideologie analysiert. ttt hat mit ihr und mit Anetta Kahane, Vorstandsvorsitzende der Amadeu Antonio Stiftung, gesprochen.

Opfer-Mythos

"Die Incels sehen sich quasi als die größten Opfer unserer Zeit", sagt Veronika Kracher, "als die Opfer von Frauen, als die Opfer von Feminismus, als die Opfer einer oberflächlichen Gesellschaft, in der sie den Kürzeren gezogen haben." Zum ersten Mal stieß sie im Fall Elliot Rodgers auf das Phänomen. Der Attentäter hatte bei seinem Amoklauf von Isla Vista am 23. Mai 2014 gezielt Jagd auf Frauen gemacht. Im Internet hinterließ er ein Pamphlet, in dem er erklärte, dass er sich an den Frauen rächen wolle, die ihm Liebe und Sex entzogen hätten. Das Video ist bis heute im Netz zu finden und wird von den "Incels" immer weiter geteilt.

Bei ihren Recherchen stellte die Publizistin erstaunt fest, wie verbreitet diese Haltung ist. "Incel"-Foren sind Echokammern. "Es handelt sich um Orte, wo Massenmörder und Terroristen glorifiziert werden, in der Gewalt gegen Frauen verharmlost wird oder Gewalt gegen Frauen tatsächlich als Moment der Erlösung gelabelt wird. Und dass sich die User dort gegenseitig in ihrem Weltbild und in ihrem Frauenhass bestätigen, das sorgt natürlich dafür, dass eventuell dann doch sich jemand denkt: Ja, das will ich in die Tat umsetzen.”

"Blackpill"-Ideologie

Veronika Kracher beschreibt die Weltsicht der "Incels" als "Blackpill"-Ideologie. Danach haben die attraktivsten 20 Prozent der Männer die sexuelle Verfügbarkeit über 100 Prozent der Frauen. Wer weniger attraktiv ist, kommt als Sexpartner nicht in Frage. Und das vor allem deshalb, weil selbstbestimmte Frauen meinen, die Wahl zu haben, und Männer wie die "Incels" schmähen. Es ist ein geschlossenes Weltbild, in dem Selbstmitleid in Aggression umschlägt und sich Antifeminismus mit einer Verklärung von Keuschheit und Unterwürfigkeit mischt.

Frauenhass und Rechtsextremismus

Besonders gefährlich, so Veronika Kracher, ist die Nähe von Frauenhass und Rechtsextremismus. Viele User der "Incel"-Foren verwenden Nazi-Symbole und treten offen rassistisch auf. "Antisemitismus und Rassismus haben immer auch einen sehr frauenfeindlichen Inhalt, sie sind sozusagen eine totale Zurückweisung der Möglichkeiten, gleichberechtigt mit verschiedenen Identitäten zu existieren", erläutert Anetta Kahane von der Amadeu Antonio Stiftung. "Die neue Rechte ist extrem frauenfeindlich. Für sie gibt es sowieso eine sehr starke Hierarchisierung von Gesellschaft, in der ganz oben der weiße Mann steht. Alles, was davon abweicht, ist 'abartig' und widerspricht dem 'Geist der Natur'".

Anetta Kahane
Anetta Kahane, Amadeu Antonio Stiftung | Bild: WDR

Veronika Kracher hofft, dass auch in Deutschland das Bewusstsein dafür wächst, wie sehr sich Frauenhass und Rechtsextremismus verschränken. Für sie steht fest: Es braucht eine Ausstiegstruktur und Prävention, um zu verhindern, dass die "Incel"-Ideologie sich in Gewalt und Terror niederschlägt.

Buchtipp

Veronika Kracher: Incels.
Geschichte, Sprache und Ideologie eines Online-Kults
Ventil-Verlag 2020, Preis: 16 Euro

Autor des TV-Beitrags: Joachim Gaertner

Die komplette Sendung steht am 10. Januar ab 20 Uhr zum Abruf in der Mediathek bereit.

Stand: 10.01.2021 19:48 Uhr

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