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Promoter der rechten Gegenkultur

Das Netzwerk der Neuen Rechten

Pegida-Demonstration gegen den Migrationspakt, 1.12.2018, Berlin
Pegida-Demonstration gegen den Migrationspakt, 1.12.2018 | Bild: Christoph Soeder/dpa

Von der Öffentlichkeit fast unbemerkt, haben die Neuen Rechten ein einflussreiches Netzwerk geknüpft. Dazu gehören Verlage, Unternehmen, Think Tanks, Vereine, Stiftungen und Internetplattformen. Ihr Ziel: die rechte Gegenkultur raus aus der Szene zu holen und mitten hinein in die Gesellschaft zu bringen.

Die beiden Journalisten Christian Fuchs und Paul Middelhoff sind ihnen seit Jahren auf der Spur. Sie haben im Milieu recherchiert, mit den führenden Köpfen gesprochen und Verbindungen zu Sponsoren und geheimen Geldgebern verfolgt. In ihrem Buch "Das Netzwerk der Neuen Rechten" decken sie das Beziehungsgeflecht auf, dessen zentraler Bezugspunkt die AfD ist.

Minimalkonsens Islamophobie

Der Journalist Christian Fuchs
Der Journalist Christian Fuchs | Bild: Stephan Pramme

Der vermutlich größte Erfolg des Netzwerks war der vorgebliche "Trauermarsch" in Chemnitz im Sommer 2018, als rechtsradikale Gewalttäter, altbekannte Propagandisten und die Spitzen der AfD gemeinsam demonstrierten. "Was das Netzwerk so stark macht", erläutert Christian Fuchs, "ist, das sie es zum allerersten Mal seit Ende des Zweiten Weltkrieges geschafft haben, die Rechte zu verbinden, also von extrem rechten Gewalttätern aus der Kameradschaftsszene bis zu ehemaligen CDU-Anhängern, die sich nicht mehr zugehörig fühlen zur CDU. Alle haben sich durch den Minimalkonsens zusammengeführt, und der bedeutet: Islamhass."

"Patriotischer Umsturz"

Überrascht hat ihn, wie lange die Neue Rechte schon den "patriotischen Umsturz" vorbereite. "Es ist nicht zufällig gerade jetzt entstanden. Die Vordenker haben einfach auf den richtigen Moment gewartet, um ihre Ideologien zu platzieren und in die Mehrheitsgesellschaft zu infiltrieren."

Historische Linien

Der Historiker Norbert Frei
Der Historiker Norbert Frei | Bild: Fotoatelier Rietz

Dass die Neue Rechte an alte Traditionen anknüpft und der Nationalismus auch nach dem Ende der NS-Zeit keineswegs überwunden war, ruft der Historiker Norbert Frei in Erinnerung. Gemeinsam mit drei weiteren Kollegen hat er das Buch "Zur rechten Zeit geschrieben". Es zeigt, wie schwer sich die Deutschen in Ost und West nach 1945 mit der "Vergangenheitsbewältigung" taten, und hat schon bei der ersten Präsentation im Amsterdamer Goethe-Institut für Aufsehen gesorgt.

Deutsch-deutsche Perspektive

In der DDR war der Antifaschismus staatlich verordnet. Die Aufarbeitung der NS-Vergangenheit galt 1952 per Dekret als beendet. Rechtsradikale durfte es offiziell nicht geben. Im Untergrund waren sie dennoch aktiv.

Weitgehend vergessen ist auch, dass die NPD in der Bundesrepublik der 60er Jahre große Wahlerfolge feierte. Schon damals waren die Parolen der Neuen Rechten geläufig. "Es ist einfach wichtig zu sehen", so Norbert Frei, "dass vieles von dem, was uns heute wieder beschäftigt, nicht zum ersten Mal in der Geschichte der Bundesrepublik auftaucht. Und dass wir auch sehen, wie man vor 20, vor 40 Jahren, vor 50 Jahren damit umgegangen ist."

Die Historiker graben vergessene Fakten aus und sehen Kontinuitäten – zum Beispiel im Fremdenhass. "So furchtbar viel Neues fällt auch den heutigen Rechten nicht ein. Sie bedienen sich aus dem Arsenal des Bewährten, auch aus der Rhetorik der NPD, der Rhetorik der Republikaner", sagt Norbert Frei.

Angriff auf kritischen Journalismus

Auch wenn das Netzwerk im Windschatten der Öffentlichkeit entstand, suchen die Protagonisten gezielt nach Aufmerksamkeit.  Provokationen und Tabubrüche sollen den Weg in die Medien ebnen. Auf kritischen Journalismus aber reagiert die Neue Rechte allergisch. "Ich beschäftige mich seit über 20 Jahren mit Rechtsextremismus in Deutschland", sagt Christian Fuchs. "Aber die Angriffe, die ich als Journalist persönlich erhalte, waren noch nie so groß wie in den letzten zwei, drei Jahren, wo ich mich intensiv mit der Neuen Rechten beschäftigt habe. Es wird versucht, mich als Person zu diskreditieren."

Buchtipps

Christian Fuchs, Paul Middelhoff: Das Netzwerk der Neuen Rechten
Wer sie lenkt, wer sie finanziert und wie sie die Gesellschaft verändern
Rowohlt 2019, Preis: 16,99 Euro

Norbert Frei, Christina Morina, Franka Maubach, Maik Tändler: Zur rechten Zeit.
Wider die Rückkehr des Nationalismus.
Ullstein Verlag 2019, Preis: 20 Euro

Autorin des TV-Beitrags: Claudia Kuhland

Stand: 11.03.2019 08:11 Uhr

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