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Kinder des Kalifats

Der Dokumentarfilm "Of Fathers and Sons"

PlayFilmszene aus "Of Fathers and Sons"
Der Dokumentarfilm "Of Fathers and Sons"  | Video verfügbar bis 10.03.2020 | Bild: Port au Prince Pictures

Wie Kinder radikalisiert werden, wie die Gewalt ihre Seelen vergiftet – das erzählt Talal Derki in seinem Dokumentarfilm "Of Fathers and Sons". Zwei Jahre lang hat der aus Syrien stammende Regisseur das Leben einer radikal-islamischen Familie begleitet. Sein Dokumentarfilm zeigt den Alltag des Clans um Rebellenführer Abu Osama, der davon träumt, ein Kalifat zu errichten, und seine Kinder zu Gotteskriegers erzieht.

"Of Fathers and Sons" lief auf über 100 Festivals weltweit und gewann mehr als 20 Preise. In Los Angeles war er für einen Oscar als bester Dokumentarfilm nominiert. Am 21. März kommt der Film in die deutschen Kinos. ttt hat den Regisseur in Berlin getroffen.

Rückkehr nach Syrien

Talal Derki
Dokumentarfilmer Talal Derki | Bild: WDR

Talal Derki stammt aus einer kurdischen Familie und wurde in Damaskus geboren. Bekannt geworden ist er mit seinem Film "Return to Homs", in dem er das Schicksal zweier Freunde zu Beginn des syrischen Bürgerkriegs nachzeichnet. Seit 2014 lebt er in Berlin. Für "Of Fathers and Sons" ist er in seine Heimat zurückgekehrt und hat sich Zutritt zu einer Welt verschafft, die kaum jemand kennt.

Eintauchen in eine Parallelwelt

Zwischen Sommer 2014 und September 2016 hat er über 300 Tage mit der Familie von Abu Osama verbracht. Der Rebellenführer war einer der Gründer von al-Nusra, dem syrischen Arm von Al-Qaida. Talal Derki gewann das Vertrauen des Terroristen, indem er sich als Anhänger der Salafisten ausgab. Er wollte verstehen, warum Menschen sich radikalisieren und was sie dazu bewegt, nach den strikten Regeln des sogenannten Islamischen Staates zu leben. "Nur durch Verstellen konnte ich überleben, und ich bin ja nicht der einzige, der so tut als ob. Eine Menge Leute geben vor, wie sie zu denken, um nicht umgebracht zu werden. Ich musste ja nur für zwei Jahre für einen Film diese Rolle spielen, das ist überschaubar", sagt er.

Kinder des Kalifats

Filmszene aus "Of Fathers and Sons"
Osama trainiert für den Krieg | Bild: Port au Prince Pictures

Im Laufe der Dreharbeiten wurde Talal Derki Teil der Familie. Im Mittelpunkt seiner Doku stehen die beiden ältesten Söhne Ayman und Osama, zwölf und dreizehn Jahre alt. Sie sind die "Kinder des Kalifats". Ihr Vater will sie nicht nur zu gläubigen Muslimen erziehen, sondern auch zu überzeugten Dschihadisten. Wie viele Gleichaltrige gehen sie nicht zur Schule: Sie studieren den Koran statt Mathe, trainieren Kampf statt Fußball und üben militärische Disziplin, statt Musik zu hören. Es ist eine Art Gehirnwäsche, die ihnen keine Alternative lässt.

Welt voller Widersprüche

Filmszene aus "Of Fathers and Sons"
Liebevoller Vater und radikaler Islamist | Bild: Port au Prince Pictures

Talal Derki hat eine paradoxe Welt erlebt. Abu Osama ist einerseits ein liebender Vater, andererseits ein gnadenloser Terrorist. Im Kampf gegen das Assad-Regime kennt er keine Skrupel. Und genau darauf sollen seine Söhne vorbereitet werden. 

Es ist eine Welt, in der die Väter Krieg führen und die Söhne in Camps Krieg üben. Frauen dürfen gar nicht erst gefilmt werden. Talal Dekri: "Da die Gewalt Teil der Erziehung ist, stellt sich mir die Frage, wie man den Dschihad aus dem Erziehungssystem herauskriegt, aus den Moscheen, wie man Menschenrechte durchsetzt und vor allem die Gleichberechtigung der Frauen in der muslimischen Welt. Dieser Film richtet sich gegen die männliche Macht, die all diese Kriege verursacht."

Unschuld der Kinder

Bei den Dreharbeiten ist der Regisseur viele Risiken eingegangen. Doch er hat keinen Augenblick daran gezweifelt, dass sein Wagnis richtig war. "Ich wollte einen Film aus dem Inneren einer radikal-islamischen Gemeinschaft machen, um besser zu verstehen, wie ein Mensch zum Dschihadisten wird. Wir sollten uns daran erinnern, dass Terroristen auch einmal unschuldige Kinder waren. Wenn wir davon ausgehen, können wir den Schlüssel finden, um kommende Generationen davon fernzuhalten."   

Abu Osama hat den weiteren Weg seiner Kinder nicht mehr erlebt. Er starb im Oktober 2018 beim Entschärfen einer Autobombe.

 Autorin des TV-Beitrags: Claudia Kuhland

Stand: 11.03.2019 08:13 Uhr

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