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Reni Eddo-Lodge über Rassismus

"Warum ich nicht länger mit Weißen über Hautfarbe spreche"

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Reni Eddo-Lodge über Rassismus | Video verfügbar bis 10.03.2020 | Bild: WDR

"Warum ich nicht länger mit Weißen über Hautfarbe spreche" – das erklärt die britische Journalistin Reni Eddo-Lodge in einem brillanten Essay, der jetzt auf Deutsch erschienen ist. Und natürlich tut sie darin genau das, was sie im Titel zu vermeiden ankündigt. Dem Buch voraus ging ein Blogeintrag aus dem Jahr 2014 zum selben Thema. Die Reaktionen waren überwältigend. Deshalb hat Reni Eddo-Lodge nachgelegt und ihre Gedanken auf 250 Seiten ausführlich erläutert.

Der mit dem British Book Award ausgezeichnete Bestseller hat eine neue Debatte über Vorurteile und Diskriminierung, über Toleranz und Rassismus entfacht. Er bringt vor allem die liberalen Weißen zum Nachdenken, diejenigen also, die sich selbst für immun gegen Rassismus halten. Aber genau da liege das Problem, meint Reni Eddo-Lodge. Denn die subtileren, nicht weniger gefährlichen Vorurteile fänden sich genau dort, wo man sie am wenigsten vermutet – in der Mitte der aufgeklärten Gesellschaft. ttt hat die Autorin in London getroffen.

"Schwarze, zornige Frau"

Die "schwarze, zornige Frau", wie sie sich selbst nennt, wurde 1989 als Tochter einer Nigerianerin in London geboren. Sie war vier, als sie zum ersten Mal den Wunsch verspürte, weiß zu sein. "Ich betrachtete mich als guten Menschen", schreibt sie, "deswegen dachte ich, dass ich irgendwann weiß werden würde." Denn sie habe bereits als Vierjährige gewusst, "dass alle, die aussahen wie ich, schlimmstenfalls Verbrecher und bestenfalls aufsässige Nebenfiguren waren."

Das "Weiße Privileg"

Dass Weiße immer der Norm entsprechen, dass sie nie selbst erleben, was Diskriminierung bedeutet – Reni Eddo-Lodge nennt das das "Weiße Privileg". Damit meint sie keine juristische Bevorzugung, sondern die Selbstverständlichkeit, mit der es Weiße leichter im Leben haben: Sie haben materielle Vorteile, leichteren Zugang zur Bildung, bessere Karrierechancen und in der Regel einen höheren sozialen Status – einzig und allein deshalb, weil sie weiß sind. Wer von Rassismus nicht selbst betroffen ist, nimmt ihn nicht wahr, lebt möglicherweise sogar in der Vorstellung, dass es ihn gar nicht gibt. Für Reni Eddo-Lodge eine komplette Verkennung der Realität.

"Struktureller Rassismus"

Die Journalistin Reni Eddo-Lodge
Die Journalistin schreibt über Feminismus und Rassismus | Bild: WDR

Denn dem "weißen Privileg" entspricht der "strukturelle" oder "institutionelle" Rassismus. Er ist tief in der Gesellschaft verankert, bestimmt Entscheidungen auf allen Ebenen, auch wenn er auf den ersten Blick nicht zu erkennen ist. Reni Eddo-Lodge ist davon überzeugt, dass Nicht-Weiße sofort verstehen, was sie meint: Die alltäglichen Benachteiligungen gehören zu ihrem Leben, während Weiße erstaunt mit der Schulter zucken, wenn man sie darauf aufmerksam macht.

Blind für unterschiedliche Hautfarben

Die Journalistin diagnostiziert hinter dieser Gleichgültigkeit eine Form der Farbenblindheit. "Um ungerechte, rassistische Strukturen aufzulösen, müssen wir die Hautfarbe sehen." Wer die Unterschiede ignoriert, ignoriert auch die offensichtliche Ungleichbehandlung.

In ihren Augen sind nicht die rechten Extremisten, die das "Anderssein" ständig betonen, das größte Problem. Die könne man bekämpfen. Für viel gefährlicher hält sie die Toleranten, die Aufgeklärten, die stolz darauf sind, den Rassismus überwunden zu haben.

Auch wenn die Engländerin vor allem die Situation in Großbritannien betrachtet, treffen ihre Beobachtungen und Analysen genauso für Deutschland zu. Ihr Buch ist ein Appell, genauer hinzuschauen - und über Rassismus nicht länger zu schweigen.

Buchtipp

Reni Eddo-Lodge: Warum ich nicht länger mit Weißen über Hautfarbe spreche.
Tropen 2019, Preis: 18 Euro

Autorin des TV-Beitrags: Brigitte Kleine

Stand: 11.03.2019 08:16 Uhr

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