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Jugendliche in Belfast vor dem Brexit

"Generation Hoffnung"

PlayFoto aus Toby Binders Serie Jugend in Belfast: zwei Jugendliche vor einem Zaun
Jugendliche in Belfast vor dem Brexit | Video verfügbar bis 10.03.2020 | Bild: Toby Binder

Wann kommt der Brexit? Wie wird er aussehen? Welche Folgen wird er haben? Seit Monaten wird verhandelt. Und noch immer sind die entscheidenden Fragen ungeklärt. Großbritannien ist nervös. Besonders nervös ist Nordirland. Seine Bürger haben im Juni 2016 mehrheitlich gegen den Brexit gestimmt. Aber auch sie werden – so sieht es aus – die EU verlassen müssen.

Der Fotograf Toby Binder hat in Belfast den Alltag nordirischer Jugendlicher porträtiert. Sie sind im Frieden aufgewachsen. Doch der alte Nordirland-Konflikt und die Angst vor den Folgen des Brexits sind in ihrem Leben allgegenwärtig. Seine Fotoserie "Wee Muckers. Youth of Belfast" erscheint am 13. März im Kehrer Verlag.

Der Nordirland-Konflikt

Seit Monaten hält der Brexit Europa in Atem. Für Nordirland, Teil des Vereinigten Königreiches, könnte er besonders dramatische Folgen haben. Jahrzehntelang bekämpften sich irisch-katholische Nationalisten und protestantische Unionisten. Ihren Höhepunkt hatten die bürgerkriegsähnlichen Auseinandersetzungen in den 1970er Jahren. Die Gewalt eskalierte. Tausende Menschen starben.  

Der Schriftsteller Paul McVeigh
Paul McVeigh in Belfast | Bild: WDR

Der Schriftsteller Paul McVeigh hat das alles hautnah miterlebt. Er schrieb einen Roman über seine Kindheit in einem katholischen Viertel von Belfast. Mit 18 verließ er seine Heimat und kehrte vor einem Jahr zurück. "Die entscheidende Erfahrung für ein Kind war Angst. Angst jeden Tag. Todesangst. Angst um die Familie", erinnert er sich.

Erst nach mehr als 30 Jahren endeten die "Troubles" 1998 mit dem "Karfreitagsabkommen" zwischen der Republik Irland, dem Vereinigten Königreich und den Parteien in Nordirland.

Das Abkommen regelte die Machtverhältnisse zwischen Katholiken und Protestanten. Die offene Grenze zwischen Nordirland und der Republik Irland war eine entscheidende Bedingung für den Friedensschluss.

Bedrohung des Friedens

War die Grenze früher streng überwacht, ist sie heute kaum noch erkennbar. Täglich pendeln rund 30.000 Menschen ohne Kontrollen hin und her. Waren und Güter können zollfrei passieren, Unternehmen ohne Einschränkung kooperieren.

Mit dem Brexit würde die Grenze zu einer Außengrenze der Europäischen Union. Eine solche "harte" Grenze könnte den immer noch fragilen Frieden aus den Angeln heben. Die Spannungen in Nordirland haben in den vergangenen Monaten zugenommen. "Es ist ein Märchen, dass die Gewalt aufgehört hat seit dem Karfreitagsabkommen. Die Leute hier fangen schon an, mit den Säbeln zu rasseln", meint Paul McVeigh.

Leben in unsicheren Zeiten

Foto aus Toby Binders Serie Jugend in Belfast: eine Gruppe Jugendlicher auf der Straße
Alltag in Belfast | Bild: Toby Binder

Sollte der Nordirland-Konflikt erneut aufbrechen, wäre das vor allem für die junge Generation eine Katastrophe. Für jene also, die beim Brexit-Referendum nicht einmal gefragt wurden, weil sie nicht alt genug waren, um ihre Stimme abzugeben.

Wie sehr ihr Alltag von Verunsicherung geprägt ist, das dokumentiert die Fotoserie, die der deutsche Fotoreporter Toby Binder in Belfast gemacht hat. Er hat Jugendliche in sechs protestantischen und katholischen Vierteln porträtiert, die noch immer mit hohen Mauern und Stacheldraht – den "Peace Walls" – getrennt sind.

“Die Leute leben im Frieden nebeneinander her, aber sie leben nicht miteinander", sagt Toby Binder. "Also der Alltag der verschiedenen communities findet komplett in ihrem eigenen Stadtviertel statt."

Alle aber leiden unter denselben Problemen: Arbeitslosigkeit, Bandenkriminalität, Drogen und Gewalt – ganz egal, auf welcher Seite sie leben. "Die Idee des Buches war ja auch, dass man zeigt, dass die Gemeinsamkeiten einfach viel größer sind, als es sich diese beiden Gemeinschaften, die sich so verfeindet gegenüberstehen, jemals selber eingestehen werden. Also die Kids, die haben die gleichen Trainingsanzüge an, die haben die gleichen Frisuren, die trinken die gleichen Getränke, die nehmen die gleichen Drogen, die haben die gleichen Abläufe im Alltag. Man würde es nicht unterscheiden können."

Mit seinen Porträts lässt uns Toby Binder miterleben, wie die jungen Iren – trotz Propaganda und Gewaltdrohungen – nach einer Perspektive suchen.  Seine Fotos zeigen aber auch, wie brüchig der Frieden ist und wie ungewiss die Zukunft dieser "Generation Hoffnung".  

Buchtipp

Toby Binder: Wee Muckers. Youth of Belfast.
Kehrer Verlag 2019

Autor des TV-Beitrags: Joachim Gaertner

Stand: 10.03.2019 16:32 Uhr

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