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Der Schmerz der Entfremdung

Wer ist der Literaturnobelpreisträger Abdulrazak Gurnah?

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Der Schmerz der Entfremdung – Literaturnobelpreisträger Abdulrazak Gurnah | Video verfügbar bis 10.10.2022 | Bild: REUTERS/Henry Nicholls

Schon Wochen vor Bekanntgabe des Literaturnobelpreises kursierten Listen mit Kandidatinnen und Kandidaten. Der diesjährige Gewinner stand nicht darauf. In Deutschland überraschte die Entscheidung des Nobelpreis-Komitees Kritiker und Publikum gleichermaßen, denn Abdulrazak Gurnah war hierzulande so gut wie unbekannt.

Anders in seiner Heimat Großbritannien: Dort hat er im Laufe seiner Karriere zehn Romane und eine Reihe von Kurzgeschichten veröffentlicht. Sein 1994 erschienenes Buch "Das verlorene Paradies" war sein literarischer Durchbruch und brachte ihm eine Nominierung für den Booker Prize ein. Sein jüngster Roman "Afterlives" (2020) wurde von der britischen Presse hochgelobt und stand auf der Shortlist des Orwell- und auf der Longlist des Walter-Scott-Preises. Die Handlung spielt zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Deutsch-Ostafrika und thematisiert ein besonders düsteres Kapitel aus der deutschen kolonialen Vergangenheit. Hierzulande wurde es bisher noch nicht publiziert.

"Fesselnde Geschichten"

Thomas Brückner
Übersetzer Thomas Brückner | Bild: WDR

Zurzeit ist kein einziges Buch von Abdulrazak Gurnah auf Deutsch erhältlich. Zuletzt waren 2006 "Die Abtrünnigen" erschienen und 2004 "Schwarz auf Weiß", die Übersetzung seines bereits 1988 geschriebenen Romans "Pilgrims Way". Thomas Brückner hat das Buch ins Deutsche übertragen, ebenso wie 2002 "Ferne Gestade". Er schätzt Abdulrazak Gurnahs Umgang mit der Sprache, seine fesselnden Geschichten. "Er ist sicher auch ein Autor, der anstrengend ist und vom Leser Geduld erwartet, aber in der Anstrengung liegt eben der Genuss."

Migration und Rassismus

Abdulrazak Gurnah wurde 1948 in Sansibar geboren. Damals stand die ostafrikanische Inselgruppe noch unter britischer Verwaltung, bis sie 1964 Teilstaat von Tansania wurde. Gurnahs Familie gehörte zur arabisch-muslimischen Oberschicht, die im Zuge der "Afrikanisierung" zurückgedrängt und verfolgt wurde. 1968 floh er nach Großbritannien, studierte in Canterbury und lehrte später bis zu seiner Pensionierung an der Universität Kent Englisch und Postkoloniale Literaturen. Es ist seine eigene Geschichte, die seine Romane grundiert.

Christa Morgenroth
Die Literaturwissenschaftlerin Christa Morgenroth | Bild: WDR

"Es zeichnet ihn aus, was genau die Jury des Nobelpreises auch genannt hat: also die Themen Flucht und Fremdheit und Kolonialismus", sagt die Literaturwissenschaftlerin Christa Morgenroth, die das Projekt "Stimmen Afrikas" leitet. "Gurnah macht das auf eine sehr besondere Weise, weil er selber auch eine Exilerfahrung hat", sagt sie. "Es ist sehr unspektakulär, wie er über diese Themen schreibt und sehr feinsinnig. Dabei trifft er sehr genau den Schmerz und die Form von Entfremdung, die diese Menschen auf dem Weg in ein anderes Land und Heimat suchend in einem anderen Land erfahren."

Mutige Entscheidung

Erst zum fünften Mal geht der Literaturnobelpreis nach Afrika, zuletzt 2003 an den weißen Südafrikaner J.M. Coetzee. Nach Wole Soyinka ist Abdulrazak Gurnah der erste schwarze afrikanische Schriftsteller nach 35 Jahren. "Fakt ist natürlich auch, dass der Preis immer, durch seine ganze Geschichte hindurch, auch eine politische Dimension hatte", sagt Thomas Brückner. "Oder wenn Sie so wollen, eine Dimension, die mit dem jeweiligen Zeitgeist zusammenhängt." Sandra Richter, Leiterin des Deutschen Literaturarchivs Marbach, nennt es eine "riskante", aber auch mutige Entscheidung. "Da sendet die schwedische Akademie ein sehr starkes Signal aus, ist sehr mutig und sagt ausgerechnet: Dieser Preisträger ist es, der für etwas stehen soll, was wir länger nicht prämiert haben." Jetzt ist es an uns, Abdulrazak Gurnahs Werk zu entdecken.

Autor des TV-Beitrags: Dirk Fleiter

Die komplette Sendung steht am 10. Oktober ab 20 Uhr zum Abruf in der Mediathek bereit.

Stand: 10.10.2021 17:51 Uhr

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