SENDETERMIN So., 10.10.21 | 23:45 Uhr | Das Erste

"So oder so"

Retrospektive des Videokünstlers Marcel Odenbach in Düsseldorf

PlayMarcel Odenbach, Das große Fenster
Der Videokünstler Marcel Odenbach in Düsseldorf | Video verfügbar bis 10.10.2022 | Bild: VG Bild-Kunst, Bonn 2021

Der Kölner Marcel Odenbach ist ein Pionier der Videokunst. Ohne seine filmischen Collagen, Installationen und Performances wäre die Videokunst von heute nicht denkbar. In diesem Jahr wurde er mit dem Wolfgang-Hahn-Preis ausgezeichnet Die Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen widmet ihm jetzt eine große Retrospektive. Unter dem Titel "So oder so" zeigt das K21 in Düsseldorf bis zum 9. Januar 2022 rund 60 seiner Werke.

Spiel mit dem Schein

Marcel Odenbach, 1953 in Köln geboren, studierte Architektur, Kunstgeschichte und Semiotik an der TH Aachen. Bereits Mitte der 70er Jahre begann er, die damals noch junge Videotechnik zu nutzen und besondere Formen der Montage zu entwickeln. Er wählt Fotos, Film- und Fernsehmitschnitte, Archivmaterial und selbst produzierte Aufnahmen aus, löst sie aus ihrem Kontext und fügt sie zu überraschenden Collagen zusammen. Es ist das Spiel mit dem Schein, das ihn reizt. "Wir als Videokünstler in den 70er Jahren haben uns vorgestellt, wir werden das Fernsehen erobern und werden das sozusagen zu unserer Galerie und zu unserem Museum machen", sagt er. "Das hat sich natürlich leider – oder vielleicht auch Gott sei Dank, ich weiß es nicht – das ist nicht eingetreten, weil sich dann doch die privaten Fernsehstationen in eine ganz andere Richtung entwickelt haben, als wir es gehofft hatten."

Historisches Material, subjektiv betrachtet

Marcel Odenbach in seiner Ausstellung
Marcel Odenbach in der Ausstellung | Bild: WDR

Im Laufe der vergangenen 45 Jahre hat er sich immer wieder mit Themen aus der deutschen Geschichte, mit Erinnerung und Verdrängung, aber auch mit Antisemitismus, Rassismus und Kolonialismus beschäftigt. Charakteristisch für seine Arbeit ist der subjektive Blick auf historisch-dokumentarisches Material. 1977 entstand sein Video "Sich selbst bei Laune halten!", in dem er auf die visuelle Reizüberflutung in der Berichterstattung über den RAF-Terrorismus reagiert. In seinem Video "As if memories could deceive me" (1986) fragt er nach der deutschen Identität und setzt Versatzstücke der bürgerlichen Kultur ikonografischen Bildern aus der NS-Zeit gegenüber.

"Für mich ist das natürlich interessant, mal einen eigenen Überblick zu erleben, weil da ziehen sich gewisse Dinge durch mein Werk, seit 45 Jahren wie ein roter Faden. Und im Moment erlebe ich eine Phase, wo viele Themen, die mir schon am Anfang meiner künstlerischen Laufbahn wichtig waren, eine unglaubliche Brisanz und Alltäglichkeit bekommen. Das ist auf der einen Seite natürlich eine Bestätigung, aber es regt mich natürlich auch dazu an, weiterzuarbeiten."

Globale Themen

Marcel Odenbach, Selbstporträt, 2017, Collage, Fotokopien, Bleistift, Tinte auf Papier
Marcel Odenbach, Selbstporträt, 2017, Collage, Fotokopien, Bleistift, Tinte auf Papier | Bild: VG Bild-Kunst, Bonn 2021

Seit Ende der 1990er Jahre interessiert er sich zunehmend für globale Fragen. Die Doppelprojektion "In stillen Teichen lauern Krokodile” (2002-2004) thematisiert den Völkermord in Ruanda.  Und in "My idea of Africa" stellt er Filmaufnahmen aus der deutschen Kolonialzeit in Togo und Videoaufnahmen von togolesischen Dorfbewohnern nebeneinander. In Düsseldorf zu sehen ist auch Odenbachs monumentale Installation "Ach, wie gut daß niemand weiß", die er 1999 für den Kölnischen Kunstverein entwickelte und mit der er Erfahrungen von Rassismus und staatlicher Repression geradezu physisch erlebbar macht.

"Das große Fenster"

Für einen Eklat sorgte 2002 seine Arbeit "Das große Fenster". Die Montage eines Bergpanoramas – es ist der Blick aus Hitlers Fenster auf dem Obersalzberg – mit historischen Aufnahmen aus der NS-Zeit wurde zuerst auf der Zugspitze ausgestellt, mitten im Trubel der Sommergäste, und empörte die Vertreter der Tourismusbranche.

Parallel zu seinen Videoinstallationen entwickelt Odenbach aus seiner umfangreichen Fotosammlung auch großformatige Papiercollagen, die er aus Hunderten Einzelbildern zusammensetzt. Auch sie sind in Düsseldorf zu sehen. So wie Marcel Odenbach aus dem schier unerschöpflichen Material auswählt, ausschneidet, auflöst und neu zusammenfügt, so lädt auch die Ausstellung ein, seine Arbeiten aus ganz unterschiedlichen Perspektiven zu betrachten. "Die Arbeiten haben, das sieht man gerade bei den Collagen, ja immer eine Fernsicht und eine Nahsicht. Das heißt, ich kann von Ferne immer eine gewisse Ästhetik oder eine gewisse Darstellung genießen. Und je näher ich an die Arbeit herantrete, je mehr entdecke ich für mich selbst. Und wie ich das dann interpretiere, das ist jedem Betrachter selbst überlassen."

Autorin des TV-Beitrags: Anke Rebbert

Die komplette Sendung steht am 10. Oktober ab 20 Uhr zum Abruf in der Mediathek bereit.

Stand: 10.10.2021 17:50 Uhr

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