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Jesus kommt aus Afrika

Milo Raus aktuelles Theater- und Filmprojekt "Das Neue Evangelium"

PlayYvan Sagnet als Jesus, Szene aus Milo Raus "Das Neue Evangelium"
Milo Raus Theater- und Filmprojekt "Das Neue Evangelium"  | Video verfügbar bis 13.10.2020 | Bild: Fruitmarket/Langfilm / Thomas Eirich-Schneider

Milo Rau, preisgekrönter und umstrittener Theatermacher aus der Schweiz, ist bekannt für sein politisch engagiertes und hoch emotionales Dokumentartheater. Die Verbindung von Kunst und Systemkritik, von fiktionalen Spielszenen mit Dokumentarmaterial ist charakteristisch für seine Arbeit, so zum Beispiel im "Kongo Tribunal" über die Verbrechen im globalen Rohstoffkrieg. Jetzt inszeniert er die Passion Christi als Appell und Provokation. Im italienischen Matera, der europäischen Kulturhauptstadt 2019, dreht er mit Flüchtlingen, Aktivisten und Bauern "Das Neue Evangelium". ttt hat Milo Rau bei den Dreharbeiten begleitet und mit ihm und dem Jesus-Darsteller Yvan Sagnet gesprochen. 

Sklavenarbeit in Europa

Milo Raus Jesus kommt aus Kamerun. Yvan Sagnet ist politischer Aktivist, Buchautor und Gründer der "NoCap"-Stiftung, die gegen die Ausbeutung in der Landwirtschaft kämpft. Vor zwölf Jahren kam er zum Studium nach Italien. Als sein Stipendium auslief, begann er 2011 als Tomatenpflücker in Apulien. Die Bedingungen, die er dort vorfand, waren katastrophal: Sklavenarbeit mitten in Europa, von der Mafia kontrolliert. Yvan Sagnet wehrte sich, rief zum Aufstand auf und schaffte es, die Öffentlichkeit zu mobilisieren. Immerhin mussten sich einige Plantagenbesitzer und Arbeitsvermittler vor Gericht verantworten. Die Gesetze wurden verschärft. Weil aber viele Erntehelfer illegal im Land sind, haben sie keine Chance, ihre Rechte einzuklagen. An den Zuständen hat sich kaum etwas geändert.

Jesus als Sozialrevolutionär

Milo Rau bei den Dreharbeiten zur Abendmahlsszene
Milo Rau bei den Dreharbeiten zur Abendmahlsszene | Bild: Armin Smailovic

Um die Arbeitsbedingungen der Erntehelfer, um Ausbeutung, Gerechtigkeit und Menschenwürde geht es auch in Milo Raus aktuellem Projekt. Das "Neue Evangelium" erzählt die Passion Christi als Geschichte einer Revolte. Jesus als Sozialrevolutionär, der die Abgehängten, Ausgestoßenen und Vertriebenen um sich versammelt und mit ihnen das System bekämpft. Er scheitert, wird gekreuzigt. Seine revolutionäre Idee aber überlebt.

Milo Rau hat diese Geschichte in die Gegenwart transportiert. "Was würde Jesus im 21. Jahrhundert predigen? Wer wären seine Jüngerinnen und Jünger?", formuliert er im Begleittext zu seinem Projekt. "Und wie würden die heutigen Träger weltlicher und geistiger Macht auf die Wiederkehr und Provokationen dieses einflussreichsten Propheten und Sozialrevolutionärs der Menschheitsgeschichte reagieren?"

"Matera ist Jerusalem"

Die Stadt Matera in Süditalien
Die Stadt Matera in Süditalien | Bild: Fruitmarket/Langfilm / Thomas Eirich-Schneider

In den vergangenen Tagen hat er in Matera zum Teil vor Publikum gedreht, in jener Stadt, die schon mehrfach als Kulisse für Bibel-Filme diente. Pier Paolo Pasolini hat hier seine Deutung des Matthäus-Evangeliums in Szene gesetzt, Mel Gibson seine "Passion Christi" realisiert. "Matera ist Jerusalem", sagt Milo Rau.

Mit Ausnahme von Yvan Sagnet hat er die Hauptrollen mit professionellen Schauspielern besetzt. Alle anderen Rollen spielen Flüchtlinge, Bauern und Einwohner von Matera. Der Bürgermeister ist ebenso dabei wie der Polizeichef, der eine als Kreuzträger Simon, der andere als römischer Offizier. Neben nachgestellten Bibelszenen in historischen Kostümen montiert Rau Aufnahmen, die die Arbeits- und Lebensbedingungen der Erntehelfer dokumentieren. Die Tomate wird zum Symbol für den Kapitalismus. "Wenn ein Bauer für ein Kilo Tomaten nur ein paar Cent bekommt, kann er keine fairen Löhne zahlen. Die wahren Ausbeuter sind die großen Handelskonzerne", sagt Yvan Sagnet.

"Revolte der Würde"

Yvan Sagnet hält eine Rede im Ghetto von Metaponto nahe Matera
Yvan Sagnet hält eine Rede im Ghetto von Metaponto nahe Matera | Bild: Fruitmarket/Langfilm / Thomas Eirich-Schneider

Sein Jesus mischt sich unmittelbar ein in das Elend. Gemeinsam mit seinen Jüngern zerstampft er Tomaten, die für den Export bestimmt sind. Und anders als in der Bibel steht am Ende dieser Geschichte nicht die Auferstehung, sondern eine politische Kampagne: die "Revolte der Würde". Denn auch mit dieser Inszenierung will Milo Rau in die Realität eingreifen, die gesellschaftlichen Bedingungen nicht nur beschreiben, sondern verändern.

Auftakt der Kampagne ist eine politische Versammlung in Rom, bei der Aktivisten und Vertreter der Kirche im Nationaltheater zusammentreffen. In ihrer Gegenwart wird das "Manifest der Würde" verabschiedet. Es ist das "Neue Evangelium", der Appell, aktiv zu werden im Kampf für Recht und Gerechtigkeit. Konkret fordert das Manifest ein globales Reise- und Niederlassungsrecht, die Gleichberechtigung von Immigranten und EU-Bürgern, menschenwürdige Arbeitsbedingungen und das Recht auf eine angemessene Unterkunft.

Die frohe Botschaft als Realpolitik

Milo Rau will auch mit diesem Projekt langfristig wirken. Deshalb arbeitet er mit rund 40 Institutionen und NGOs zusammen. "Wir hoffen, dass unseren Forderungen nach Legalisierung der Geflüchteten, nach einer Rückbesinnung der EU auf ihre liberalen Gründungsdokumente, nach Würde und Gerechtigkeit für alle und nach einem globalen Bürgerrecht Gehör verschafft wird", sagt er. "Im Matthäus-Evangelium steht ja schon alles, in einfacher, direkter Sprache. Würden Kirche und Politik sich auf das besinnen, was von der historischen Jesusbewegung als realpolitisches oder einfach humanistisches Programm skizziert und gelebt ist, wären alle Fragen erledigt."

Autor des TV-Beitrags: Joachim Gaertner

Stand: 13.10.2019 17:10 Uhr

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