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"Der Wind in meinem Haar"

Masih Alinejads Einsatz für die Frauenrechte im Iran

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Masih Alinejads Einsatz für die Frauenrechte im Iran | Video verfügbar bis 14.11.2022 | Bild: WDR

Sie ist eine der meistgehassten Frauen des Mullah-Regimes: die in New York lebende Journalistin und Aktivistin Masih Alinejad. Mit ihrem offenen lockigen Haar gilt sie als Symbolfigur für den Kampf der iranischen Frauen gegen die Zwangsverschleierung. Fast täglich klagt sie öffentlich auf Veranstaltungen oder ihren Online-Kanälen die menschenverachtenden Praktiken der iranischen Machthaber an.

Alles begann mit einem Foto, das Masih Alinejad 2014 auf Facebook teilte. Darauf zu sehen: die junge Journalistin ohne Hijab und mit wehendem Haar. Die Reaktion war überwältigend. Auf allen sozialen Medien veröffentlichten Frauen eigene Fotos ohne Hijab oder Kopftuch und riskierten damit, verfolgt und verhaftet zu werden. Jetzt hat Masih Alinejad ein Buch geschrieben, in dem sie ihre Geschichte erzählt. "Der Wind in meinem Haar" ist im Alibri-Verlag erschienen. ttt hat Masih Alinejad auf einem Menschenrechtsfestival in Amsterdam getroffen.

Symbol der Unterdrückung

Für Masih Alinejad ist der Hijab, das im Iran für Frauen vorgeschriebene Kopftuch, das Symbol der Unterdrückung und Unfreiheit. "Im Iran werden Mädchen dazu erzogen, immer den Kopf zu senken, so unauffällig wie möglich und besonders sanftmütig zu sein. Frauen, insbesondere in kleinen Städten und Dörfern, werden ermahnt, sobald sie Aufmerksamkeit erregen", schreibt sie in ihrem Buch.

"Der Wind in meinem Haar" ist ihre eigene Geschichte: Masih Alinejad, 1976 geboren, wächst in einem kleinen Dorf im Norden des Landes auf. Schon als junges Mädchen rebelliert sie gegen die Zwangsverschleierung. Wegen ihres politischen Engagements muss sie die Schule verlassen. 1996 wird sie wegen regimekritischer Flugblätter verhaftet und zu einer Bewährungsstrafe verurteilt.

Mit einer vorehelichen Schwangerschaft und einer Scheidung bringt sie ihre religiös-konservative Familie weiter in Bedrängnis. 2001 beginnt sie eine Karriere als Journalistin. Eine Zeitlang arbeitet sie sogar als Parlamentsreporterin. Diesen Job verliert sie, als sie die hohen Gehaltsabrechnungen iranischer Abgeordneter hinterfragt. 2009 geht sie ins Exil, zuerst nach London, dann nach New York. "Ich bin gezwungenermaßen im Ausland geblieben, ohne von meiner Familie Abschied zu nehmen. Ich hatte nicht die Absicht, den Iran für immer zu verlassen."

Den Diktatoren Angst machen

Protest gegen Zwangsverschleierung
Frauen ohne Kopftuch vor einer Moschee im Iran | Bild: ddp/abaca press

Zur Galionsfigur der iranischen Frauenbewegung wird sie, als sie 2014 die Kampagne "My Stealthy Freedom" ("Meine heimliche Freiheit") gründet. Auf ihrer Facebook-Seite veröffentlicht sie Fotos von Frauen aus dem ganzen Iran, die sie ohne Kopftuch zeigen. "Wenn eine Frau kein Kopftuch trägt, wird sie mit Schlagstöcken auf den Kopf geschlagen", sagt sie. "Warum, denkst du, machen sie das so? Weil ein müdes, depressives und hoffnungsloses Volk ein Segen für einen Diktator ist. Aber wenn ich mein Leid und meine Trauer in Wut und in eine Bewegung umwandle, macht das dem Diktator Angst." 2015 wird Masih Alinejad vom Genfer Gipfel für Menschenrechte und Demokratie mit dem Frauenrechtspreis ausgezeichnet.

Starke Stimme des Protests

Mittlerweile hat Masih Alinejad mehrere Kampagnen ins Leben gerufen. Nachdem im November 2019 bei landesweiten Protestaktionen viele Menschen getötet wurden (nach einem Bericht der Nachrichtenagentur Reuters waren es mehr als 1.500), gibt sie jetzt den Müttern der Opfer eine Stimme. "Die Mütter, deren Söhne getötet wurden, haben nur eine einzige Forderung, genau wie ihre Kinder: Wir wollen die islamische Republik loswerden. Wir möchten diese Regierung nicht, weil das iranische Volk diese Regierung nicht verdient. Und ich bin die Stimme dieser Mütter."

Für ihr Engagement zahlt Masih Alinejad einen hohen Preis. Ihre im Iran lebende Familie wird bedroht. In diesem Sommer wurde bekannt, dass der iranische Geheimdienst ihre Entführung plante. Das Schreiben ist für die Journalistin auch ein Akt der Befreiung. "Wenn du schreibst, bist du kein Opfer mehr. Die Leute, die dich zum Opfer gemacht haben, fangen an zu zittern. Das ist eine großartige Therapie."

Buchtipp

Masih Alinejad: Der Wind in meinem Haar.
Der Kampf um Freiheit im modernen Iran.
Alibri 2021, Preis: 24 Euro

Autor*innen des TV-Beitrags: Hilka Sinning und Bamdad Esmaili

Die komplette Sendung steht am 14. November ab 20 Uhr zum Abruf in der Mediathek bereit.

Stand: 14.11.2021 18:32 Uhr

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