SENDETERMIN So., 15.05.22 | 23:20 Uhr | Das Erste

"Maixabel" – Eine Geschichte von Schuld und Vergebung

ETA-Terrordrama der spanischen Regisseurin Icíar Bollaín

PlayFilmszene mit Blanca Portillo als Maixabel und Luis Tosar als Ibon, einer der Mörder ihres Mannes
"Maixabel" – Eine Geschichte von Schuld und Vergebung | Video verfügbar bis 15.05.2023 | Bild: Piffl Medien

Im Oktober 2011 hat sich die baskische Separatistenorganisation ETA aufgelöst. Vorangegangen war eine mehr als 50-jährige Geschichte des Terrors. Seither hat es immer wieder Versuche der Versöhnung gegeben. Doch die Spaltung der Gesellschaft in Anhänger, Opfer und eine schweigende Mehrheit ist noch längst nicht überwunden.

Eine wahre Geschichte

Maixabel Lasa
Versöhnung statt Feindschaft: Maixabel Lasa | Bild: WDR

Die renommierte spanische Regisseurin Icíar Bollaín hat eine wahre Geschichte zum Anlass genommen, einen bewegenden Spielfilm über Schuld und Vergebung zu drehen. Es ist die Geschichte der Maixabel Lasa, die als erste Witwe eines ETA-Opfers die Mörder ihres Mannes im Gefängnis besucht hat. "Sie hat ihre Entscheidung gegen viele Widerstände getroffen", sagt Icíar Bollaín "Viele Leute wollen nichts mehr von dem Thema hören. Niemand aus ihrem Umfeld, außer ihrer Tochter, hat sie unterstützt. Auch viele andere ETA-Opfer haben sie kritisiert: ‚Mit Mördern spricht man nicht!‘ Aber sie hat sich nicht beirren lassen." "Maixabel – eine Geschichte von Liebe, Zorn und Hoffnung" wurde vielfach ausgezeichnet und startet am 26. Mai in den deutschen Kinos. ttt hat die Regisseurin in Edinburgh und Maixabel Lasa in Bilbao zum Interview getroffen. 

Mord an Juan María Jáuregui Apalategui

Am 29. Juli 2000 brach für Maixabel Lasa eine Welt zusammen. Ihr Mann und politischer Weggefährte Juan María Jáuregui Apalategui wurde in einem Café in seiner Heimatstadt Tolosa mit zwei Kopfschüssen ermordet. Bis zum Regierungswechsel 1996 war er sozialistischer Zivilgouverneur der baskischen Provinz Gipuzkoa. Auch nach dem Ausscheiden aus der Politik stand er auf der Todesliste der ETA. Um sich zu schützen, ging er ins Exil, besuchte aber regelmäßig seine Frau und Tochter im Baskenland. Für den Anschlag verantwortlich waren drei Mitglieder des Kommandos Buruntza. Im August 2001 wurden sie von der baskischen Polizei festgenommen und 2004 von einem Sondergericht in Madrid zu 39 Jahren Gefängnis verurteilt.

Begegnung mit den Mördern

Trotz des Schocks fand Maixabel Lasa die Kraft, weiter politisch aktiv zu bleiben. So engagierte sie sich im Auftrag der baskischen Regierung für die Betreuung der Opfer des Terrorismus. Elf Jahre nach dem Anschlag erhielt sie eine ungewöhnliche Anfrage: Zwei der Mörder, Ibon Etxezarreta und Luis Carrasco, baten sie um ein Gespräch. Beide hatten sich von der ETA distanziert. Maixabel stimmte der Bitte zu. "Die Treffen mit den Häftlingen waren streng geheim", sagt sie. "Nur meine Tochter wusste davon. Ich habe ihnen viele Fragen gestellt, weil sie keine Ahnung hatten, wen sie da umgebracht hatten. Sie bekamen einfach den Auftrag von der Organisation, dort und dort zu dem und dem Zeitpunkt diese Person umzubringen. Sie wussten nicht, dass Juan Mari eine Frau und eine Tochter hatte. Sie wussten nicht, dass er sich nicht nur gegen ETA-Gewalt, sondern auch gegen Folterer und Mörder in den Reihen der Polizei und staatlich finanzierter Todesschwadronen einsetzte. Sie wussten gar nichts." Die Begegnung habe ihr sehr geholfen, "weil ich wenigstens ansatzweise verstanden habe, was das für Menschen sind und warum sie zu Tätern wurden."

Brücken bauen

Die Regisseurin Icíar Bollaín
Die Regisseurin Icíar Bollaín  | Bild: WDR

Von dieser Annäherung zwischen Opfer und Tätern, von Schuld, Reue und Vergebung handelt Icíar Bollaíns Film "Maixabel". "Für mich ist der ganze Film eine Hommage an Juan Mari. Er hat sich immer für Frieden im Baskenland eingesetzt, versucht, Brücken zu bauen zwischen den unterschiedlichen Seiten. Und das spiegelt der Film wider."

Er endet damit, dass Maixabel Lasa einen der Mörder zur jährlichen Gedenkfeier für ihren Mann Juan Mari mitbringt. Es ist eine hochemotionale Szene, in der sich Fiktion und Realität verknüpfen, denn die Statisten sind die realen Freunde von Juan Mari und Maixabel. Und sie weist weit über den Augenblick hinaus: In ihr wird deutlich, wie schmerzhaft der Weg der Annäherung ist – und wie notwendig, damit das Baskenland und Spanien nach den Jahren des Terrors zu Frieden und Versöhnung finden. Icíar Bollaín: " Es war sehr eindrucksvoll, als der Film in Spanien lief, wie die Leute in vielen Kinos anfingen zu weinen oder zu singen, wenn im Film gesungen wurde. Es war wie eine Katharsis. Ein Spiegel, in dem sich die Menschen gesehen haben. Er berührt offensichtlich viele Dinge, über die in der Realität nicht gesprochen wird."

Autor des TV-Beitrags: Joachim Gaertner

Die komplette Sendung steht am 15. Mai  ab 18 Uhr zum Abruf in der Mediathek bereit.

Stand: 15.05.2022 17:13 Uhr

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