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Krieg in den Köpfen

Postsowjetische Schriftstellerinnen in Deutschland suchen nach Antworten

PlaySoldatenhelm mit verwelkter Rose. Schwieriges Gedenken am Sowjetischen Ehrenmal in Berlin
Krieg in den Köpfen | Video verfügbar bis 15.05.2023 | Bild: WDR

Sie sind alle drei eng mit der Ukraine und Russland verbunden: die Autorinnen Natascha Wodin, Nellja Veremej und Sasha Marianna Salzmann. Alle drei verurteilen Putin und sind gegen den Krieg. Die Debatten, die hierzulande geführt werden, nehmen sie allerdings unterschiedlich wahr. ttt hat mit ihnen darüber gesprochen.

"Es hat sich sehr viel verschärft"

Nellja Veremej
Nellja Veremej | Bild: WDR

"Das geht uns allen sehr nah", sagt Nellja Veremej. "Viele sind auch familiär, wie ich auch, mit beiden Ländern verbunden." Nellja Veremej wurde 1963 in der Sowjetunion geboren, studierte in Leningrad russische Philologie und kam 1994 nach Berlin. Sie arbeitete als Russischlehrerin, Journalistin und Übersetzerin, bevor sie hauptberuflich Schriftstellerin wurde. Gleich für ihren ersten Roman "Berlin liegt im Osten" wurde sie mehrfach ausgezeichnet.

"Im Grunde haben sich nach der Revolution in der Ukraine 2014 schon zwei Fronten gebildet: für Majdan, Anti Maidan. Und jetzt hat sich einfach sehr viel verschärft. Alles." In der aufgeheizten Debatte sucht sie Raum für Nachdenklichkeit und Differenzierung – so wie sie auch in ihren Büchern die Zerrissenheit der Menschen aus der ehemaligen Sowjetunion beschreibt. Sie selbst ist ratlos, vor allem auch angesichts der Militarisierung, und wünscht sich einen raschen Waffenstillstand. "Ich weiß nicht, wie man den Krieg beendet", sagt sie. "Ich würde nie meine Kinder in den Krieg schicken, und ich vermute, dass die Mehrheit der Menschen genauso drauf ist wie ich. Nun, sie werden nicht gefragt, glaube ich, oder?"

"Mir wird manchmal angst und bange"

Natascha Wodin
Natascha Wodin | Bild: WDR

Auch Natascha Wodin leidet darunter, dass es kaum noch Zwischentöne gibt. "Ich höre wieder so viel Ressentiments nicht nur gegen Putin, sondern gegen das Russische schlechthin, dass mir manchmal etwas angst und bange wird." Natascha Wodin ist ukrainisch-russischer Abstammung. 1945 wurde sie als Kind sowjetischer Zwangsarbeiter in Fürth geboren und wuchs unter schwierigen Bedingungen in Deutschland auf. "Ich bin sicherlich das, was man heute traumatisiert nennt. Ich habe unheimlich viel Gewalt erlebt als Kind von den deutschen Kindern. Man hat nach uns mit Steinen geworfen. Da habe ich schon eine Vorerfahrung dieser Russophobie, die jetzt wieder ausbricht."

In den 70er Jahren arbeitete sie als Dolmetscherin für westdeutsche Firmen und Kultureinrichtungen in der Sowjetunion, lebte einige Jahre in Moskau und begann, russische Literatur ins Deutsche zu übersetzen. Erst mit knapp 40 Jahren veröffentlichte sie erstmals eigene Werke, die stark autobiografisch geprägt sind. "Sie kam aus Mariupol", eine Spurensuche nach der Herkunft und dem Leben ihrer früh verstorbenen Mutter, ist ihr bisher größter Erfolg und wurde vielfach ausgezeichnet. "Ich kann verstehen, dass die Ukrainer jetzt in jeder Situation alles Russische verachten und hassen. Aber wenn wir das übernehmen, wenn wir uns damit solidarisieren, dann bedienen wir einen Rassismus, finde ich. Und wenn wir dann mal so weit kommen, dass wir russische Bücher aus Bibliotheken entfernen und Tschaikowski vom Konzertprogramm streichen, dann sind wir, glaube ich, ganz schnell da, wo wir schon mal waren. Und dann sind wir auch ganz nah bei Putin.

"Es war nie ein warmes Verhältnis"

Sasha Marianna Salzmann
Sasha Marianna Salzmann | Bild: WDR

"Es war schon immer sehr komplex mit mir und Russland, aber es verändert sich gerade radikaler", sagt Sasha Marianna Salzmann. "Meine Familie und ich, wir sind emigriert, weil wir keine Russen sind."  1985 in der Sowjetunion geboren, kam ihre Familie als jüdische Kontingentflüchtlinge nach Deutschland. Sasha Marianna studierte Literatur, Theater und Medien sowie szenisches Schreiben. Von 2013 bis 2016 war sie Hausautorin am Maxim-Gorki-Theater in Berlin und machte in den vergangenen Jahren das Haus zur hochgelobten Experimentierbühne. Neben ihrer Theaterarbeit hat sie mehrere Bücher veröffentlicht, zuletzt den preisgekrönten Roman "Im Menschen muss alles herrlich sein". "Ich habe sehr lebhafte Erinnerungen an den Rassismus und Antisemitismus in Russland und ich habe die Geschichte meiner Familie recherchiert. Das heißt, es war nie ein warmes Verhältnis. Und trotzdem: Russisch ist meine Muttersprache. Ich liebe diese Sprache."

Mit Kriegsbeginn hat sie klar Stellung bezogen: Sie unterstützt ukrainische Flüchtlinge und plädiert für ein starkes Engagement der Deutschen an der Seite der Ukraine. "Ich träume davon, dass Deutschland schwere Waffen schickt. Ich hätte nie gedacht, dass ich selber mit so einem Gedanken aufwachen würde. Ich wache mit einer Menge Gedanken auf, die ich nicht haben wollte in meinem Leben."

Autorin des TV-Beitrags: Claudia Kuhland

Die komplette Sendung steht am 15. Mai  ab 18 Uhr zum Abruf in der Mediathek bereit.

Stand: 15.05.2022 17:13 Uhr

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