SENDETERMIN So., 16.05.21 | 23:05 Uhr | Das Erste

Memoiren einer Feministin

Das volle Leben der Christina von Braun

PlayChristina von Braun
Memoiren einer Feministin - Christina von Braun | Video verfügbar bis 16.05.2022 | Bild: WDR

Sie ist eine Pionierin der Gender Studies in Deutschland: Christina von Braun, Kulturwissenschaftlerin, Professorin im Ruhestand, Autorin und Filmemacherin. 1997 gründete sie den ersten Studiengang zur Geschlechterforschung an der Berliner Humboldt-Universität. Damals ging es vor allem darum, die traditionelle Geschlechterordnung in Frage zu stellen – in der Wissenschaft ebenso wie in Politik und Gesellschaft. Längst hat sich das Fach etabliert, weit über die Hochschullandschaft hinaus. Und es scheint, als seien die Themen Polarität, Diversität und Geschlechterkampf aktueller denn je.

Für Christina von Braun waren sie nie nur theoretische Konstrukte, sondern Teil ihrer eigenen Biografie. Wie sich ihre persönliche mit der Zeitgeschichte verbindet - darüber hat sie das Buch "Geschlecht" geschrieben. Erschienen ist es im Propyläen-Verlag. ttt hat mit der Autorin gesprochen. 

Fehlende Rollenmodelle

"Es ist nicht nur eine Autobiografie. Es ist ein Buch, in dem ich den Werdegang, den Erkenntnisprozess einer ganzen Generation von Frauen erzähle", sagt sie. 1944 in Rom als Diplomatentochter geboren, war ihr der Weg zum Feminismus keineswegs vorgezeichnet. Rollenmodelle gab es kaum – auch nicht für Privilegierte wie sie. In ihrer Familie hatten immer die Männer Karriere gemacht: der Vater als Botschafter, der Großvater Magnus von Braun als erster Reichspressechef, der Onkel Wernher von Braun als umstrittener Raketenforscher. Die Frauen blieben im Hintergrund. Mit einer Ausnahme: Christina von Brauns Großmutter mütterlicherseits, Hildegard Margis, hatte sich schon in den 1920er Jahren mit Frauenfragen beschäftigt. Sie engagierte sich im Widerstand gegen die Nazis und starb 1944 im Gefängnis an den Folgen der Folter durch die Gestapo.

Kollektivschicksal

In den 1960er und 1970er Jahren erlebte die Enkelin in den USA und Deutschland den beginnenden Kampf um Gleichberechtigung und die Politisierung der Frauen. Es war ein "Kollektivschicksal", sagt sie. "Wie die einzelne Frau zur Feministin geworden ist oder angefangen hat, sich für Geschlechterfragen zu interessieren – das war unterschiedlich. Aber es war ein gleichzeitiger Aufbruch." Den gemeinsamen Nenner sieht sie in der Erkenntnis, wie sehr wir von Geschlechterklischees geprägt sind. Und in dem Entschluss, die herrschende Geschlechterordnung auf den Kopf zu stellen.

Wie schwer das ist, erlebte sie hautnah in ihrer eigenen Ehe. "In der Ehe begreift man überhaupt erst plötzlich, was für Vorannahmen da sind, sowohl vonseiten des Mannes als auch von der eigenen Seite als Frau." Es ist ein Nahkampf, auf den sie nicht gefasst war. "Plötzlich war ich konfrontiert mit Geschlechterklischees, Geschlechterrollen, die auch in meinem eigenen Kopf waren." Es waren schwierige Auseinandersetzungen. Aber schließlich gelang es ihr, sich von den "Vorannahmen" zu befreien. Heute klinge das lächerlich, weil vieles selbstverständlich geworden sei. "Aber für die Generation, in der wir starteten, war das noch nicht der Fall." Mit ihrem Ehemann, dem Psychoanalytiker Tilo Held, ist sie mittlerweile mehr als 50 Jahre verheiratet.

Blick von außen

Christina von Braun hat sich nicht nur als Wissenschaftlerin, sondern auch als Filmemacherin und Buchautorin mit Genderfragen beschäftigt. Es ging ihr immer darum, historische Zusammenhänge zu erkennen. Wenn man sich mit der Geschichte der Weiblichkeit auseinandersetze, "begreift man ganz plötzlich, dass man auch als Frau und als Paar in einem historischen Prozess steht und das auch von außen betrachten kann."

Gerade dieser Blick von außen macht deutlich, wie viel sich tatsächlich in den vergangenen Jahrzehnten verändert hat. Christina von Braun erzählt in ihrem Buch eine persönliche Emanzipations- und Befreiungsgeschichte, in der sich der Zeitgeist spiegelt. Bis heute hat sie nicht aufgehört zu kämpfen. Fremd ist ihr allerdings die aktuelle Debatte, in der es weniger um Geschlechtergerechtigkeit als um Identitätspolitik geht. "Identität ist sowieso ein absurder Begriff", sagt sie. Er wolle etwas festhalten, festschreiben. " Und das geht nicht. Es geht schon gar nicht für Menschenleben und kulturelle Identitäten." Sich gegen fremde Zuschreibungen zu wehren, sei richtig. "Das ist eine Widerstandsform. Aber man muss aufpassen, dass man nicht darin haften bleibt."

Buchtipp

Christina von Braun: Geschlecht.
Eine persönliche und eine politische Geschichte
Propyläen Verlag 2021, Preis: 24 Euro

Autorin des TV-Beitrags: Claudia Kuhland

Die komplette Sendung steht am 16. Mai ab 20 Uhr zum Abruf in der Mediathek bereit.

Stand: 16.05.2021 19:28 Uhr

0 Bewertungen
Kommentare
Bewerten

Kommentare

Kommentar hinzufügen

Bitte beachten: Kommentare erscheinen nicht sofort, sondern werden innerhalb von 24 Stunden durch die Redaktion freigeschaltet. Es dürfen keine externen Links, Adressen oder Telefonnummern veröffentlicht werden. Bitte vermeiden Sie aus Datenschutzgründen, Ihre E-Mail-Adresse anzugeben. Fragen zu den Inhalten der Sendung, zur Mediathek oder Wiederholungsterminen richten Sie bitte direkt an die Zuschauerredaktion unter info@daserste.de. Vielen Dank!

*
*

* Pflichtfeld (bitte geben Sie aus Datenschutzgründen hier nicht Ihre Mailadresse oder Ähnliches ein)

Kommentar abschicken

Ihr Kommentar konnte aus technischen Gründen leider nicht entgegengenommen werden

Kommentar erfolgreich abgegeben. Dieser wird so bald wie möglich geprüft und danach veröffentlicht. Es gelten die Nutzungsbedingungen von DasErste.de.