SENDETERMIN So., 16.05.21 | 23:05 Uhr | Das Erste

Stadt, Land, Fluss

Sehnsucht nach Entschleunigung auf dem Land

PlayFachwerkhäuser in einem Dorf
Stadt, Land, Fluss - Sehnsucht nach Entschleunigung | Video verfügbar bis 16.05.2022 | Bild: ddp/zoonar/Elke Hötzel

Wälder und Wiesen, Flüsse und Seen, Getreidefelder und Dörfer, dazu eine tuckernde Eisenbahn wie aus vergangenen Zeiten: Das ist das idyllische Setting des neuen Computerspiels "Dorfromantik". Seit es im März auf den Markt kam, verzückt es Expertinnen und Spieler gleichermaßen. Dabei ist es noch nicht einmal ganz fertig und nur als "Early Access" erhältlich. Die finale Version soll im zweiten Halbjahr 2021 erscheinen. Beworben wird es als "friedliches Aufbauspiel mit Puzzle-Mechanik". Von Kampf und Sieg ist ausdrücklich nicht die Rede.  

Was sagt uns der Hype um "Dorfromantik"? Warum fasziniert das harmlos-chillige Spiel so viele Menschen? Spiegelt sich darin die Sehnsucht der Städter nach dem Land? Und worin genau liegt der Reiz der Provinz? ttt hat mit der Stadtgeografin Susanne Dähner, der Autorin Lola Randl sowie Luca Langenberg und Zwi Zausch aus dem Entwicklerteam von "Dorfromantik" gesprochen.

Der Charme der Einfachheit

In "Dorfromantik" läuft alles gemächlich und ganz ohne Zeitdruck ab. Die Aufgabe ist leicht erklärt: Aus einem Kartenstapel legen die Spieler*innen eine möglichst idyllische Dorflandschaft. Umso größer und schöner sie wird, desto höher der Score. Darauf kommt es aber gar nicht an. Das Spiel entspannt und entschleunigt. Und dafür hat es gleich mehrere Preise gewonnen, unter anderem den Deutschen Computerspielpreis 2021 in den Kategorien "Bestes Gamedesign" und "Bestes Debüt". Ein Riesenerfolg für die jungen Macher. Denn hinter "Dorfromantik" steht nicht etwa einer der bekannten Namen aus der Gaming-Industrie. Es stammt vielmehr aus dem kleinen Berliner Studio "Toukana Interactive", einem Start-Up von vier Studenten der University of Applied Science Berlin (HTW Berlin): Luca Langenberg, Sandro Heuberger, Timo Falcke und Zwi Zausch.

"Wir wollten ein gewaltfreies Spiel machen, was sehr schön und simpel und einfach ist. Aber dass es dann so viel auch beim Entspannen und beim Runterkommen hilft, hat uns sehr überrascht", sagt Zwi Zausch.  Alle vier, so erzählt er, haben eine enge Verbindung zum Land. Ihre Erfahrungen seien in das Spiel eingeflossen. Es komme darauf an, so Luca Langenberg, "die Balance aus Natur und von den Menschen Gebautem zu bewahren".

Den Nerv der Zeit getroffen

Susanne Dähner
Susanne Dähner  | Bild: WDR

Endlich den Moloch Stadt hinter sich lassen, intakte Natur genießen, selbst Obst und Gemüse anbauen und die wahren Werte des Lebens entdecken: Der Trend zur Stadtflucht ist keineswegs neu. Doch in den vergangenen Jahren schien er sich umgedreht zu haben. Die Sogwirkung ging von den Metropolen aus. Während die urbanen Speckgürtel wuchsen und städtischer Wohnraum immer knapper wurde, leerte sich die Provinz. "Lange war das Land verrufen", sagt Susanne Dähner vom Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung. "Inzwischen ziehen auch Leute aufs Land oder interessieren sich dafür, die eigentlich das städtische Milieu gesucht haben."

"Ländlich ist die neue Art von cool"

Zur erneuten Trendwende hat das Corona-Jahr 2020 entscheidend beigetragen: Einerseits büßten die Städte durch den Lockdown an Attraktivität ein. Andererseits eröffneten Digitalisierung und Homeoffice ganz neue Perspektiven für das ortsunabhängige Arbeiten. Gerade hochqualifizierte Menschen "aus dem kreativen digitalen Milieu" entdeckten den Reiz des Landlebens. "Man hat das Gefühl, das ist der Ort, wo man Sachen noch ausprobieren kann. Ländlich ist die neue Art von cool."

Sehnsucht und Projektion

Lola Randl
Lola Randl | Bild: WDR

Lola Randl, Filmemacherin und Autorin, nennt sich selbst eine "klassische Dorfromantikerin". "Ich bin auf jeden Fall eine Sehnsüchtige. Und auf das Dorf kann man seine Sehnsüchte gut projizieren". Wie es aussieht, wenn Projektion und Realität aufeinandertreffen, das beschreibt sie in ihrem Dokumentarfilm "Von Bienen und Blumen", der vom experimentellen Dorfleben in der Uckermark handelt. Sie selbst hat verschiedene Lebensformen ausprobiert. "Das ist jetzt einfach die nächste Aufgabe des Dorfes, divers zu werden und so ein bisschen toleranter und offener, weil einfach auch viele Leute kommen werden."

Vielleicht steckt hinter dem Hype um die Dorfromantik im Spiel und im Leben der Traum, das Beste aus beiden Welten zu vereinen. "Das Land", sagt Susanne Dähner, "profitiert davon, wenn neue Ideen kommen. Die Leute, die aus der Stadt kommen, profitieren davon, sich einfach mal wieder auf andere Sichtweisen und andere Meinungen einzulassen. Man kann nicht so in seiner Blase, in seinem Milieu verharren, wenn man aufs Land geht und in ein Dorf zieht. Man muss einfach andere Sichtweisen auch zulassen und damit umgehen."

Autorin des TV-Beitrags: Marion Ammicht

Die komplette Sendung steht am 16. Mai ab 20 Uhr zum Abruf in der Mediathek bereit.

Stand: 16.05.2021 19:28 Uhr

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