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Die wahre Mutter fast aller Probleme

Zehn Jahre Finanzkrise und der Rechtspopulismus

PlayFiliale von Lehman Brothers in Frankfurt
Zehn Jahre Finanzkrise und der Rechtspopulismus  | Video verfügbar bis 16.09.2019 | Bild: WDR / imago stock&people

Als am 15. September 2008 die US-Großbank Lehman Brothers zusammenbrach, stand die Weltwirtschaft vor dem Abgrund. Die spektakuläre Pleite markierte den Höhepunkt einer Krise, die die Finanzmärkte rund um den Globus erzittern ließ.   

Heute scheint es der Wirtschaft gut zu gehen. Doch die Welt ist in Aufruhr. Unsicherheit und Angst machen sich breit. In Deutschland und anderswo gewinnen Rechtspopulisten an Einfluss. Schon längst haben sie die Ursache allen Übels ausgemacht: die Migration. Überwunden geglaubte Ressentiments werden reaktiviert. Nicht nur in Chemnitz und Köthen vergiften rechtsradikale Parolen das Klima.

Dass es mit Ursache und Wirkung so einfach nicht ist – ganz im Gegenteil –, das zeigen drei neue Publikationen. Alle drei beschreiben, welche politischen Folgen die Schockwellen der Finanzkrise bis heute haben. Ihr Fazit: Nicht die Migration, sondern der Crash ist die wahre Mutter fast aller aktueller Probleme. ttt hat mit dem Journalisten Georg Diez sowie den Wirtschaftshistorikern Moritz Schularick und Adam Tooze gesprochen.

Demokratie in Gefahr

Georg Diez
Georg Diez | Bild: WDR

Georg Diez, Journalist und Kolumnist, macht sich Sorgen um unsere Demokratie. Für ihn markiert der Sommer 2015 eine Zeitenwende. Damals schien Deutschland angesichts der Flüchtlingsströme mutig auf die neuen Herausforderungen zuzugehen. Um sich dann in einen endlosen und zermürbenden Streit über Obergrenzen und Abschottung zu verstricken, bei dem es nur einen Gewinner gab: die Rechtspopulisten. Sie brachten Hysterie und Hass auf die Straßen und reduzierten das Denken auf gefährliche Art.

Dabei sieht Diez die eigentliche Ursache für den Rechtsruck in der globalen Verunsicherung, die die Finanzkrise auslöste. Sie habe das Vertrauen in die Gestaltungsmacht des Staates zerstört und unsere Selbstgewissheit erschüttert.     

Rechtsruck nach Finanzkrisen

Moritz Schularick
Moritz Schularick | Bild: WDR

Was Finanzcrashs in Wirtschaft und Gesellschaft anrichten, das hat Moritz Schularick aus historischer Perspektive untersucht. Auf der Basis umfangreichen Quellenmaterials aus den Jahren 1870 bis 2014 kommt der Bonner Wirtschaftswissenschaftler zu dem Schluss, dass Finanzkrisen immer die politischen Verhältnisse destabilisieren. Sie radikalisieren und führen zu einem dramatischen Rechtsruck. Historisch betrachtet, kommt der Erfolg von Orbán, Lega, Pegida und AfD also nicht überraschend, folgen die Populisten doch einem altbekannten Muster: Das "Establishment" soll für sein "Versagen" abgestraft werden.

Populistisches Nachbeben

Adam Tooze
Adam Tooze | Bild: WDR

Ähnlich sieht es auch der britische Historiker Adam Tooze, der vor allem den Crash von 2008 ins Auge gefasst hat. Bei allen Parallelen mit früheren Krisen hält er die jüngste für einzigartig: "Es ging ja nicht allein um die amerikanischen Banken. Es war ja das gesamte Finanzsystem der westlichen Welt betroffen. Europäische Banken in London, in Paris und Frankfurt waren ja auch alle unmittelbar involviert. In dieser Form hat man eine solche simultane Krise auf beiden Seiten des Atlantiks noch nie erlebt." Der Crash habe sowohl die Stabilität Europas ins Wanken gebracht als auch das Vertrauen in die Kraft der globalen Wirtschaftsordnung erschüttert.

Seit 2008 hat die Welt sich polarisiert. Die Macht wird neu verteilt. Rechtspopulisten haben fast überall Zulauf. Höchste Zeit, die Demokratie zu stärken. Davon sind Georg Diez, Moritz Schularick und Adam Tooze überzeugt.

Buchtipps

Georg Diez: Das andere Land.
Wie unsere Demokratie beschädigt wurde und was wir tun können, um sie zu reparieren
C. Bertelsmann 2018, Preis: 16 Euro

Manuel Funke, Moritz Schularick, Christoph Trebesch: Going to extremes. Politics after financial Crises, 1870-2014
European Economic Review

Adam Tooze: Crashed.
Wie zehn Jahre Finanzkrise die Welt verändert haben.
Siedler Verlag 2018, Preis: 38 Euro

Autorin des TV-Beitrags: Claudia Kuhland

Stand: 18.05.2019 07:36 Uhr

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