SENDETERMIN So, 16.12.18 | 23:35 Uhr | Bayerisches Fernsehen

Soldaten in Frauenkleidern

Cross-Dressing bei der Wehrmacht

PlayVerkleidete Soldaten auf dem Motorrad
Soldaten in Frauenkleidern | Video verfügbar bis 17.12.2019 | Bild: Martin Dammann

Der Künstler und Sammler Martin Dammann kauft seit Jahren für das Londoner "Archive of Modern Conflict" alte Fotoalben mit privaten Kriegsbildern an. Bei seinen Recherchen stieß er auf ein überraschendes Phänomen: Zahlreiche Amateurfotografien zeigen Wehrmachtssoldaten, die sich als Frauen verkleiden.

118 dieser Bilder hat er für seinen Band "Soldier Studies. Cross-Dressing in der Wehrmacht" ausgewählt. Die Aufnahmen geben einen verblüffenden Einblick in die Sehnsüchte und den Alltag deutscher Soldaten im Zweiten Weltkrieg: von spielerischem Klamauk jugendlicher Rekruten über improvisierte Verkleidungen an der Front bis hin zu Theateraufführungen in den Kriegsgefangenenlagern der Alliierten. ttt hat Martin Dammann in Berlin getroffen.

Rollenwechsel

Homosexualität, Transgender oder auch nur der Spaß an der Abweichung von der Norm – in der Nazizeit war das nicht nur verpönt, sondern unter Androhung schwerer Sanktionen verboten. Besonders in der Wehrmacht war das Ideal des "deutschen Mannes" unantastbar. Er hatte mannhaft, kampfbereit und "hart wie Kruppstahl" zu sein. Jede Form der Verweichlichung wurde geahndet. Schwulsein galt als Verbrechen, das mit Zuchthaus oder als "Wehrkraftzersetzung" sogar mit dem Tod bestraft wurde.

Martin Dammann
Aus dem Kapitel "Rekrutenzeit"  | Bild: Martin Dammann

Umso verblüffender ist die große Zahl von Fotos, die Wehrmachtsoldaten im Frauen-Outfit zeigen: Männer in festlichen Brautkleidern, frivol nur mit Büstenhalter und Unterrock oder adrett mit Rüschenbluse und keckem Hut. Mal genügen für die Verkleidung einfache Requisiten, mal ist ein enormer Aufwand erkennbar.

Motive für das Cross-Dressing

Cross-Dressing nennt man das Tragen der Bekleidung des anderen Geschlechts. Mal steckt ein individueller Modestil dahinter, mal der Protest gegen Geschlechterstereotype oder der Ausdruck einer anderen Geschlechtsidentität.

Martin Dammann kann nur vermuten, welche Motive die Soldaten hatten. Die spärlichen Kommentare und Beschriftungen helfen kaum weiter. "Am Anfang war erst mal eine Überraschung und ein großes Staunen meinerseits über diese Fotos", sagt er. "Aber je mehr ich darüber nachgedacht habe, habe ich kapiert, dass es logisch ist, dass es in diesen bedrohten Situationen – fern von allem, was die Soldaten kennen – große Sehnsüchte gibt. Und dass es naheliegt, das, was einem fehlt, selber herzustellen."

Deckmantel Karneval

Martin Dammann
Der Künstler und Sammler Martin Dammann | Bild: WDR

Martin Dammann weiß, dass es Cross-Dressing auch in anderen Armeen gab und gibt. "Aber in deutschen Alben finden sich besonders viele dieser Fotos. Das ist auf der einen Seite ziemlich verrückt, weil zur selben Zeit Homosexuelle ins KZ kommen konnten. Gleichzeitig kommt das aus der karnevalistischen Tradition in Deutschland. Unter diesem Deckmantel konnten sich Dinge zeigen, die normalerweise unsichtbar bleiben würden."

Die Verkleidung mag als Entlastung in einer Ausnahmesituation gedient haben, die geprägt war von ständiger Anspannung und zermürbender Routine. Auch Langeweile und Alkohol haben vermutlich eine Rolle gespielt, so Martin Dammann. Interpretieren möchte er seine Fundstücke nicht. Stattdessen überlässt er es dem Betrachter, was er in den Fotos sehen will: Jux und Alberei oder doch eine Art von Rebellion gegen die Nazi-Ideologie. "Ich will nur zeigen, dass es das gegeben hat. Wie das in der Gesellschaft aufgenommen wird, wie die Diskussionen darüber laufen werden, das liegt nicht in meiner Macht. Ich bin aber ziemlich neugierig darauf."

Buchtipp

Soldier Studies.
Cross-Dressing in der Wehrmacht
Herausgegeben von Martin Dammann, Mitarbeit: Martin Prinzhorn
Hatje Cantz Verlag 2018, Preis: 28 Euro

Autor des TV-Beitrags: Peter Scharf

Stand: 17.12.2018 09:24 Uhr

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