SENDETERMIN Do, 20.12.18 | 03:40 Uhr | Bayerisches Fernsehen

Koloniale Raubkunst

Wem gehören Afrikas Kulturgüter?

PlayBenin-Bronzen
Koloniale Raubkunst | Video verfügbar bis 17.12.2019 | Bild: Daniel Bockwoldt/dpa

Sie stammen aus Afrika und lagern zu Zigtausenden in Europas ethnologischen Museen: Holzstatuen, Bronzen und Schnitzereien, Insignien der Macht, Kult- und Ritualobjekte, darunter Kunstwerke von betörender Schönheit wie die berühmten Bronzen aus Benin. Experten schätzen, dass rund 90 bis 95 Prozent aller materiellen afrikanischen Kulturgüter sich außerhalb ihres Heimatkontinents befinden. Viele sind Hunderte von Jahren alt und gelangten als koloniale Raubkunst nach Europa. Doch gehören sie da hin? Und dürfen sie dort bleiben?

In Frankreich hat Präsident Emmanuel Macron ein Zeichen gesetzt und die Rückgabe von 26 Objekten nach Benin angeordnet. Nun stehen auch andere Länder unter Zugzwang. ttt hat mit Hermann Parzinger, Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, und Guido Gryseels, Generaldirektor des belgischen Afrikamuseums in Tervuren, gesprochen.

Brisanter Bericht

Auslöser für Emmanuel Macrons Beschluss war ein Bericht, den die in Berlin und Paris lehrende französische Kunsthistorikerin Bénédicte Savoy und der senegalesische Ökonom Felwine Sarr in seinem Auftrag erstellt und Ende November vorgestellt haben.

Auf 250 Seiten erläutern sie die Probleme der kolonialen Raubkunst und kommen zu dem Schluss, dass die europäischen Museen mit ihrer bisherigen Praxis das koloniale System von Aneignung und Entfremdung fortsetzen.

Rasche Restitution

Ihre vorgeschlagene Lösung ist radikal: Sie fordern eine bedingungslose und rasche Rückgabe aller Objekte aus kolonialem Kontext. Bleiben dürften ausschließlich Werke, bei denen der legale Erwerb nachgewiesen werden kann.

Savoys und Sarrs Maximalforderung ist kulturpolitischer Sprengstoff. Kritiker fürchten, dass eine rigorose Restitution die Museen "leerfegen" würde. Savoy und Sarr halten dagegen, dass es eine nicht verhandelbare moralische Pflicht zur Rückgabe gibt.

Humboldt-Forum im Fokus

Hermann Parzinger
Hermann Parzinger | Bild: dpa Picture-Alliance / Paul Zinken

In Deutschland steht vor allem das Berliner Humboldt-Forum unter Druck. Es soll ab Ende 2019 einen Großteil der Sammlung aus dem Ethnologischen Museum Berlin beherbergen. Sein Umgang mit dem kolonialen Erbe aus Afrika könnte zum Testlauf für andere Museen werden, aber auch Signalwirkung für die deutsche Kulturpolitik haben.

Hermann Parzinger, Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz und oberster Chef des Ethnologischen Museums Berlin, hat sich klar positioniert. Vor der Rückgabe der Objekte müsse ihre Herkunft geklärt werden. "Ok, vielleicht war es in der öffentlichen Wahrnehmung wichtig, dass es diese Emotionalität und Diskussion gibt, aber bitte: Jetzt braucht es auch die seriöse wissenschaftliche Auseinandersetzung mit den Dingen. Keine vorschnellen Pauschalurteile: schwarz-weiß, alles ist kolonialer Kontext, egal ob Strafexpedition, geklaut oder wissenschaftliche Forschungsexpedition. Das muss man sich schon genauer ansehen."

Raubkunst ist Menschheitserbe

Auch Guido Gryseels, General-Direktor des vor wenigen Tagen wiedereröffneten Afrikamuseums in Tervuren, lehnt eine generelle Restitution. Er setzt auf eine intensive Debatte und will vor allem im direkten Gespräch mit den Vertretern Afrikas über den Verbleib der Kulturgüter beraten. Sie müssten dort aufbewahrt werden, wo die Bedingungen am besten seien. "Wir müssen Schritt für Schritt vorgehen und dürfen nicht in die Falle tappen, indem wir zugestehen, dass alle 125.000 Objekte von Tervuren zurück an den Kongo gehen. Das verlangt auch keiner. Im Kongo gibt es kein nationales Museum. Nächstes Jahr soll eins eröffnet werden. Das ist dann eine andere Situation, dann können wir diskutieren."

Guido Gryseels
Guido Gryseels | Bild: WDR

 Der Bericht von Bénédicte Savoy und Felwine Sarr hat hohe Wellen geschlagen und weit über die Kunstwelt deutlich gemacht, dass eine schonungslose Auseinandersetzung mit der Kolonialzeit noch immer aussteht. Es geht um Schuld, Scham und moralische Verantwortung. Vor allem aber geht es darum, eine international tragfähige politische Lösung zu finden. Da steht Europa noch am Anfang.

Autorin des TV-Beitrags: Katja Lüber

Stand: 11.09.2019 22:41 Uhr

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