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"Intimitäten"

Subtiler Roman von Katie Kitamura

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"Intimitäten" - Subtiler Roman von Katie Kitamura | Video verfügbar bis 18.09.2023 | Bild: WDR

Sie erzählt von den Abgründen in unseren Beziehungen, von kleinen Irritationen, großen Gefühlen und der ewigen Suche nach Wahrheit: die amerikanische Schriftstellerin Katie Kitamura. Als 2017 ihr Roman "Trennungen" auf Deutsch erschien, wurde sie als "neue Stimme" aus den USA gefeiert. Jetzt ist ihr Buch "Intimitäten" im Hanser Verlag erschienen. ttt hat sie in New York getroffen.

Moderne Nomadin

Katie Kitamuras Heldin ist eine namen- und heimatlose Dolmetscherin am Internationalen Gerichtshof in Den Haag. Sie ist schon viel in der Welt herumgekommen. Zuletzt hat sie ihre Heimatstadt New York verlassen, nachdem ihr Vater gestorben und ihre Mutter nach Singapur gezogen waren.

In Den Haag fällt es ihr schwer, sich heimisch zu fühlen. Als sie Zeugin eines Überfalls wird, ist sie schockiert. "Wir bewegen uns in der Welt so, als könne uns nichts passieren", sagt Katie Kitamura, "aber Gewalt lauert an jeder Straßenecke, sie kann überall ausbrechen. Dieses Grundgefühl von Unsicherheit wollte ich im Roman thematisieren."

Angekommen fühlt sich die Erzählerin erst, als sie eine Liebesbeziehung mit Adriaan beginnt. Doch der hält weiter Kontakt zu seiner Frau und seinen Kindern, von denen er eigentlich getrennt lebt. Als er schließlich seiner Familie nach Lissabon nachreist, weiß sie nicht, ob er zurückkehrt. Die gerade gewonnene Stabilität gerät erneut ins Wanken.   

Lüge und Wahrheit

Und auch die Arbeit stellt sie vor ungewohnte Herausforderungen. Sie übersetzt in einem Kriegsverbrecherprozess gegen einen westafrikanischen Präsidenten. Dabei versucht der charismatische Politiker, eine Vertrautheit herzustellen, die sie immer stärker als Bedrohung empfindet. "Diese Beziehung entspinnt sich im Gerichtssaal, trotz dicker Glasscheiben und einer beträchtlichen Entfernung", sagt Katie Kitamura. "Die Kommunikation erfolgt über Mikrofone und Kopfhörer. Dennoch entsteht eine Intimität zwischen ihnen. Von diesem Mann wahrgenommen zu werden, ist für sie höchst beunruhigend. Das Wissen, zu viel Platz in seinem Kopf einzunehmen, tief in seinem Kopf zu sitzen - das irritiert sie."

Buchcover "Intimitäten"
Fremdheit und Nähe | Bild: WDR

Bei den Recherchen für ihren Roman ist Katie Kitamura tief in das Universum des Internationalen Strafgerichtshofes eingetaucht. Dafür hat sie auch ausführliche Gespräche mit Dolmetschern geführt. "Mir ist dadurch klar geworden, unter welch ungeheurem psychischem Druck sie stehen. Es ist zutiefst verstörend, eng mit jemandem zusammenzuarbeiten, der so schwerwiegender Taten wie Völkermord oder Kriegsverbrechen angeklagt ist."

Im Ungewissen verloren

Für ihre Heldin dehnt sich das Gefühl der Unsicherheit auf ihr ganzes Leben aus. Sie beginnt zu zweifeln: Was ist kalkulierte Lüge, was Wahrheit? Glauben nur noch die Naiven an das Recht? Und wer kann über wen richten? "Das bringt sie aus der Fassung, weil sie gerne eine Version A erkennen möchte, aber dann gibt es auch die Versionen B, C und D. Aber keinen Hinweis auf das, was am Ende wirklich stimmt. Oder ob überhaupt eine Version Bestand hat."

"Initimitäten" greift Themen unserer Zeit auf: Die Frage nach globaler Gerechtigkeit. Die Sehnsucht nach Eindeutigkeit. Das Streben nach Verwurzelung in Zeiten weltweiter Mobilität. Das macht den Roman so verstörend wie mitreißend.

Buchtipp

Katie Kitamura: Intimitäten.
Hanser Verlag 2022, Preis: 24 Euro

Autorin des TV-Beitrags: Hilka Sinning 

Die komplette Sendung steht am 18. September ab 20 Uhr zum Abruf in der Mediathek bereit.

Stand: 18.09.2022 19:22 Uhr

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