SENDETERMIN So, 18.11.18 | 23:05 Uhr | ARTE

Der triste Charme von Blackpool

Fotos der britischen Working Class im berühmten Badeort

PlayIm Vergnügungspark von Blackpool
Der triste Charme von Blackpool | Video verfügbar bis 18.11.2019 | Bild: Benita Suchodrev

Blackpool – das ist ein Ferienort an der englischen Westküste, nicht weit von Liverpool und Manchester entfernt. Einst bei den Reichen als Kurbad beliebt, ist das Städtchen heute berühmt und berüchtigt für seine schrille Amüsiermeile "Blackpool Pleasure Beach", einen der größten Freizeitparks in Europa.   

Benita Suchodrev, russisch-amerikanische Berlinerin, ist nach Blackpool gereist und hat 48 Stunden wie im Rausch durchfotografiert. Entstanden ist ein beeindruckendes Porträt der britischen Working Class, der Abgehängten und Zukurzgekommenen, die jetzt pauschal für Großbritanniens Ausstieg aus Europa verantwortlich gemacht werden. Gerade ist der Band "48 Hours Blackpool" im Kehrer Verlag erschienen. ttt hat die Fotografin in Berlin besucht.

Kleine Fluchten

Jugendliche ohne Posen
Jugendliche ohne Posen | Bild: Benita Suchodrev

Bekannt ist Benita Suchodrev für ihre Dokumentation des Berliner Nachtlebens und seiner Exzesse. Am liebsten fotografiert sie dort, wo Menschen versuchen, ihrem Alltag zu entkommen. Wie auf der Flucht wirken auch viele der Blackpool-Besucher: Junge Frauen, die ruhelos über den Strand hasten. Genervte Eltern, die in wenigen Stunden all ihre Versprechen einlösen wollen. Merkwürdig herausgeputzte Kinder, die ratlos vor den zahllosen Vergnügungen stehen.

Authentische Augenblicke

Benita Suchodrevs Fotografien sind Momentaufnahmen jenseits der allgegenwärtigen Mode- und Lifestylewelt. Überwiegend "aus der Hüfte geschossen", halten sie den Augenblick fest – kontrastreich, grobkörnig und unscharf, so wie sich uns das Leben ohne Inszenierung und Posings darstellt.

Sehnsucht nach dem Vergangenen

Die Blackpool-Serie mit ihren rund 150 Schwarz-Weiß-Bildern nimmt uns mit auf eine Entdeckungsreise durch Bingo-Salons und schräge Theater, vorbei an Hot-Dog-Ständen und verwahrlosten Strandpromenaden.

Kirmesatmosphäre ohne Glanz und Glamour
Kirmesatmosphäre ohne Glanz und Glamour | Bild: Benita Suchodrev

Vom einstigen Glanz des Badeortes findet Benita Suchodrev nur noch spärliche Reste. Die großen Fabriken im nahen Manchester und Liverpool haben geschlossen. Die Menschen dort hat der Strukturwandel besonders hart getroffen. Nach Blackpool kommen die, denen der Billigurlaub auf Mallorca zu teuer ist.

Und doch liegt über den Fotos ein Hauch von Nostalgie, die Sehnsucht, wenigstens für ein paar Stunden in schönen Erinnerungen zu schwelgen, und die Erkenntnis, dass die Vergangenheit unwiederbringlich vorbei ist. "48 hours Blackpool" ist auch ein erhellender Blick auf die Realität eines Landes, dessen Zukunft nach dem Willen seiner Regierung auf der glorifizierten Vergangenheit des Empires ruht.  

Benita Suchodrev

Benita Suchodrev im Porträt
Die Fotografin Benita Suchodrev | Bild: WDR

Benita Suchodrev wurde in der ehemaligen Sowjetunion geboren und emigrierte mit 15 Jahren in die USA. In New York studierte sie Kunst mit dem Schwerpunkt Kunstgeschichte. Anschließend absolvierte sie einen Masterstudiengang in englischer Literatur. 2008 zog sie nach Berlin und begann dort, die multikulturelle Kunstszene zu dokumentieren. Ihre Arbeiten waren in zahlreichen Einzel- und Gruppenausstellungen zu sehen. Außerdem ist sie in der Rafael Tous Foundation for Contemporary Art in Barcelona und in mehreren Privatsammlungen in Moskau, Berlin und New York vertreten. Benita Suchodrev lebt und arbeitet in Berlin.

Buchtipp

Benita Suchodrev: 48 Hours Blackpool.
Mit Texten von Matthias Harder und Benita Suchodrev
Kehrer Verlag 2018, Preis: 39,90 Euro

Autorin des TV-Beitrags: Susanna Schürmanns

Stand: 19.11.2018 09:44 Uhr

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