SENDETERMIN So, 18.11.18 | 23:05 Uhr | ARTE

Erträumte Reisen

Der Künstler Ernst Ludwig Kirchner und seine exotischen Welten

PlayAlpleben, Triptychon 1917-1919
Erträumte Reisen | Video verfügbar bis 18.11.2019 | Bild: Kirchner Museum Davos, Jakob Jägli

Er war einer der berühmtesten Maler des deutschen Expressionismus: Ernst Ludwig Kirchner. Als Mitbegründer der "Brücke" wurde er zu einer Ikone der Avantgarde. Wie ein roter Faden zieht sich die Faszination für das Exotische durch sein Leben und Werk. Stets war er auf der Suche nach fremden Welten, die er allerdings nur in der Phantasie bereiste. Neben farbenprächtigen Bildern erschuf er auch die Kunstfigur Louis de Marsalle. Unter diesem Pseudonym veröffentlichte er Texte, die Marketing in eigener Sache betrieben. Außerdem sandte er sein Alter Ego auf Reisen ins ferne Afrika, während er selbst zurückgezogen in den Schweizer Alpen lebte.

Eine Retrospektive in der Bonner Bundeskunsthalle widmet sich jetzt Kirchners Leben und Werk. Gleichzeitig erscheint das Buch "Visite à Davos", geschrieben im Namen seiner Kunstfigur Louis de Marsalle, das die imaginierten Afrika-Reisen aufgreift und fotografisch weiterspinnt.

"Die Brücke"

Ernst Ludwig Kirchner wurde 1880 in Aschaffenburg geboren. Nach einem Architekturstudium in Dresden gründete er 1905 mit seinen Freunden Fritz Bleyl, Erich Heckel und Karl Schmidt-Rottluff, alle drei Autodidakten wie er, die Künstlergruppe "Die Brücke". Im November 1905 stellten sie zum ersten Mal gemeinsam in Leipzig aus. Max Pechstein und Emil Nolde schlossen sich 1906 an.

Kirchner malte zu dieser Zeit vor allem Porträts, Akte, Landschaften, Stadtansichten und Szenen aus der Welt des Varietés. Wie seine Freunde arbeitete er in freier Natur und im Atelier, malte exzessiv und provozierte mit seinen Tabubrüchen das Bürgertum der Kaiserzeit.

Berlin und Fehmarn

Zwei Jahre lang stand ihm seine Geliebte Doris Groß, genannt Dodo, Modell. Ein beliebtes Motiv der "Brücke"-Künstler war auch die neunjährige Lina Franziska Fehrmann, genannt "Fränzi". Sie ist auf zahlreichen Bildern zu sehen.

Fehmarndüne mit Badenden unter Japanschirmen
Fehmarndüne mit Badenden unter Japanschirmen 1913 (Ausschnitt) | Bild: Kirchner Museum Davos

Nachdem Kirchner 1910 der "Neuen Secession" beigetreten war, folgte er 1911 seinen Freunden Heckel und Pechstein nach Berlin. Zum Streit kam es, nachdem Kirchner 1913 eine Chronik der "Brücke" verfasst hatte. Die Künstlergruppe brach auseinander. Kirchner hatte im Folkwang-Museum in Hagen seine erste Einzelausstellung. In den folgenden Jahren reiste er regelmäßig in den Sommermonaten nach Fehmarn. Auf der Insel entstanden über 120 Bilder, zahllose Zeichnungen, Skizzen und Skulpturen.

Trauma Erster Weltkrieg

Ernst Ludwig Kirchner, Selbstporträt
Selbstporträt im Atelier 1913-1915 | Bild: Kirchner Museum Davos

Der Erste Weltkrieg wurde für Ernst Ludwig Kirchner zu einem traumatischen Ereignis, das sein Leben veränderte. 1915 meldete er sich als "Freiwilliger" zum Militär, in der Hoffnung, dem Infanteriedienst zu entgehen. Nach einem Nervenzusammenbruch wurde er jedoch bald entlassen und verbrachte anschließend viele Monate in verschiedenen Sanatorien.

Ab 1917 lebte er überwiegend in Davos, zunächst in einem Sanatorium, um seine Medikamenten- und Alkoholsucht zu bekämpfen. Später zog er in sein eigenes Haus. Trotz seiner Krankheit hielt er Kontakt zur Kunstszene in Deutschland und arbeitete weiter. Er malte Bauern auf dem Feld, entwarf visionäre Landschaften, fertigte Möbel und Plastiken.

In den 20er-Jahren beunruhigten ihn die politischen Entwicklungen in Deutschland immer mehr. Im Juli 1937 schlossen ihn die Nazis aus der "Preußischen Akademie der Künste" aus.  Im selben Monat wurden 639 seiner Werke aus deutschen Museen entfernt und beschlagnahmt. 32 davon waren in der Schau "Entartete Kunst" zu sehen.  Am 15. Juni 1938 nahm sich Ernst Ludwig Kirchner verzweifelt und deprimiert das Leben.

Alter Ego Louis de Marsalle

Louis de Marsalle
Louis de Marsalle | Bild: Kirchner Museum Davos/Stephan Bösch, 2016

Wann genau Ernst Ludwig Kirchner die Idee zu seiner Kunstfigur Louis de Marsalle hatte, ist unklar. 1920 veröffentlichte er die erste lobende Kritik zu seinem Werk unter dem Pseudonym des vermeintlichen französischen Dichters, Kunstkritikers und Militärarztes. In den folgenden Jahren spann er die Legende immer weiter. Er nutzte Louis de Marsalles Texte zur Selbstvermarktung und ließ ihn, den Sohn eines haitianischen Revolutionärs, zahlreiche Reisen nach Afrika unternehmen.

Jetzt hat Thorsten Sadowsky, ehemaliger Direktor des Kirchner Museums Davos und Ko-Kurator der Bonner Ausstellung, das Buch "Visite à Davos" veröffentlicht, die fiktive Autobiografie von Louis de Marsalle, ergänzt um einige Bilder von Ernst Ludwig Kirchner und Porträts von Louis de Marsalle, die Stephan Bösch fotografiert hat.

Buchtipp

Louis de Masalle: Visite à Davos.
Herausgegeben von Thorsten Sadowsky.
Kehrer Verlag 2018, Preis: 24,80 Euro

Autor: Joachim Gaertner

Stand: 19.11.2018 09:44 Uhr

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