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In der Türkei verurteilt

Haftstrafe für deutsche Sängerin mit kurdischen Wurzeln

In der Türkei verurteilt | Video verfügbar bis 18.11.2019 | Bild: Hozan Canê

Hozan Canê lebt in Köln, ist deutsche Staatsbürgerin und sitzt seit dem 23. Juni in Istanbul im Gefängnis. Die kurdischstämmige Sängerin, die unter ihrem Künstlernamen berühmt ist und bürgerlich Saide İnaç heiß, ist eine von Zehntausenden politischen Gefangenen in der Türkei.

Am 14. November wurde sie wegen Mitgliedschaft in der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK zu einer mehrjährigen Haftstrafe verurteilt. Es ist innerhalb von drei Monaten das dritte Urteil gegen deutsche Staatsbürger in der Türkei. ttt hat mit ihrer Tochter Dilan Örs in Köln gesprochen und beleuchtet die Hintergründe des Falles.

Verhaftung in der Türkei

Wenige Tage vor den türkischen Präsidentschaftswahlen im Juni 2018 trat die Sängerin bei einer Wahlkampfveranstaltung der prokurdischen Oppositionspartei HDP auf. Die Partei ist legal, aber die Regierung hat viele Mitglieder weggesperrt, Parteichef Demirtas machte Wahlkampf aus dem Gefängnis heraus. Einen Tag nach ihrem Auftritt wurde auch Hozan Canê festgenommen. Seither sitzt sie in Istanbul im Gefängnis.

Zweifelhafte Fotos

Die Anklage warf ihr unter anderem vor, Mitglied einer terroristischen Vereinigung zu sein. Als Beweis dienten Fotos, die Hozan Canê über Facebook und Twitter geteilt hat. Sie zeigen sie als vermeintliche Terroristin. Entstanden sind die Fotos, so erklärt ihre Tochter Dilan Örs, bei den Dreharbeiten zu dem Spielfilm "74th Genocide Sengal", der eine fiktive Geschichte erzählt, aber auf wahren Ereignissen beruht. Es geht um die Massaker, die der "Islamische Staat" 2014 im Nordirak an den Jesiden verübte, und darum, wie kurdische Truppen den "IS" vertrieben. Hozan Canê hat das Drehbuch geschrieben, Regie geführt und mitgespielt. Der Film hatte bereits 2016 im Rahmen der Filmfestspiele in Cannes Premiere.

Das Gericht erklärte sie dennoch für schuldig und verurteilte sie zu einer Haftstrafe von sechs Jahren und drei Monaten – ein Schock für die psychisch und physisch angeschlagene Musikerin.

Flucht vor Repressalien

Dilan Örs, Tochter von Hozan Canê
Dilan Örs, Tochter von Hozan Canê  | Bild: WDR

Hozan Canê, 1971 in der türkischen Provinz Erzurum geboren, ist nicht zum ersten Mal in der Türkei in Haft. Als Kurdin litt sie jahrelang unter Repressalien und Verfolgung. In den 90er Jahren verließ sie die Türkei, zog nach Köln und nahm die deutsche Staatsbürgerschaft an. Einen türkischen Pass hat sie nicht mehr. In der kurdischen Community wird sie verehrt. Sie tritt regelmäßig bei Veranstaltungen auf und hat mehrere Alben veröffentlicht. "Sie hat ihre Lieder für die unterdrückten Menschen wiedergegeben", sagt Dilan Örs. "Sie hat versucht, durch ihre Stimme deren Stimme zu sein, und das ist der Preis dafür, den sie bezahlen muss. Wir werden in Berufung gehen, wir werden bis zum Europäischen Gerichtshof gehen."

Deutsche Häftlinge in der Türkei

In der Türkei werden immer wieder deutsche Staatsbürger aus politischen Gründen verhaftet. Zu den prominentesten gehören der Menschenrechtlicher Peter Steudtner, der "Welt"-Reporter Deniz Yücel und die Journalistin Meşale Tolu. Alle drei wurden inzwischen freigelassen und sind nach Deutschland zurückgekehrt.

Der Journalist Günter Wallraff
Der Journalist Günter Wallraff | Bild: WDR

Andere sitzen weiterhin im Gefängnis. In der kommenden Woche startet der Prozess gegen den Kölner Sozialwissenschaftler Adil Demirci. Über ihn und die anderen wird kaum noch gesprochen. "Ich habe den Eindruck, es wird hingenommen", sagt der Journalist Günter Wallraff. "Man duckt sich weg. Man ist interessiert an Wirtschaftsbeziehungen, an NATO- Interessen sicher, und möchte die Türkei oder vor allem diesen Alleinherrscher, man kann ihn Diktator nennen, den möchte man nicht weiter verärgern, nicht weiter provozieren. Und das ist genau das, was ihn wiederum bestätigt."

Meşale Tolu hat in dieser Woche an einer Kölner Solidaritätsveranstaltung teilgenommen, die die deutsche Türkei-Politik kritisch beleuchtete. Dabei ging es auch um den Fall Hozan Canê und darum, warum die Öffentlichkeit nicht mehr Druck macht auf die Politik. "Bis die Öffentlichkeit sich bildet, ist eigentlich das Strafverfahren schon beendet. Das ist jetzt bei Hozan Canê auch der Fall", sagt sie. "Leider hat sie nicht diese Öffentlichkeit bekommen, die sie vielleicht von Anfang an gebraucht hat."

Autorin des TV-Beitrags: Claudia Kuhland

Stand: 30.08.2019 01:29 Uhr

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