SENDETERMIN So., 18.12.22 | 23:35 Uhr | Das Erste

"Cancel Culture"

Wie eine moralische Panik die Welt erfasst

PlayDer Literaturwissenschaftler Adrian Daub
Wie eine moralische Panik die Welt erfasst | Video verfügbar bis 18.12.2023 | Bild: WDR

"Cancel Culture" – ein politisches Schlagwort macht Karriere. Es trifft Schauspieler und Autorinnen, Hochschuldozentinnen und Publizisten. Erst kürzlich geriet die Luxus-Modemarke Balenciaga mit einer zweifelhaften Fotokampagne in den Fokus. Während die einen ihnen massiv diskriminierendes Verhalten vorwerfen und sie aus der öffentlichen Aufmerksamkeitszone verbannen wollen, wehren sich die anderen dagegen und sehen in der "Cancel Culture" den Versuch, unter dem Vorwand moralischer Überlegenheit die Meinungsfreiheit einzuschränken.

Der Kampf gegen die "Cancel Culture"

Adrian Daub, Professor für Literaturwissenschaft an der kalifornischen Stanford University, hat ein Buch über die "Cancel Culture" geschrieben und den Blick auf ein Parallelphänomen gerichtet: den Kampf gegen die "Cancel Culture", der vor allem in den USA mit großer Vehemenz geführt wird.

Im Namen der Freiheit die Freiheit beschränken

Diesen Kampf hält er nicht nur für maßlos übertrieben. Vielmehr sieht er genau darin eine Bedrohung der Demokratie. Als Beispiel nennt er den neuen Twitter-Chef Elon Musk, der als Verteidiger der Meinungsfreiheit neue Verbote ausspricht. "Die Idee, dass man einem linken Autoritarismus vorbeugen sollte, indem man Linke nicht zu Wort kommen lässt, ist eine Ironie, die Elon Musk nicht ganz zu durchschauen scheint." Ausgerechnet der Mann, der sich für einen "Free Speech-Absolutisten" hält, werfe gleichzeitig ständig Mitarbeiter raus, "weil sie die Frechheit besessen haben, ihm auf Twitter zu widersprechen."

"Identitätskrisen der Rechten"

Für Adrian Daub hat der Kampf gegen Cancel Culture eine lange Geschichte. Sie führe immer wieder zu rechten Kreisen. Unter dem Vorwand, die Redefreiheit zu stärken, versuchten sie, ihre Deutungshoheit gegenüber einem "linken Feindbild" zu verteidigen. "Das sind Identitätskrisen der Rechten, die projiziert werden auf ein Hassobjekt – Hassobjekt ist vielleicht zu viel gesagt -, aber auf ein Abarbeitungs-Subjekt namens 'junge woke cancler'."

Längst ist die Debatte auch nach Deutschland herübergeschwappt. Entzündet hat sie sich an einigen wenigen Einzelfällen von "Cancel Culture", die es tatsächlich an den amerikanischen Universitäten gab. Das aber reiche längst nicht aus, um ernsthaft von einer Gefahr für die Redefreiheit zu sprechen. Daub ist davon überzeugt, dass die Cancel-Culture-Debatte vor allem dazu dient, progressive Aktivisten zu delegitimieren. "Der interessanteste Fall in Deutschland war für mich tatsächlich die Winnetou-Debatte. Es handelte sich um ein Kinderbuch. Im Gefolge zu irgendeinem Winnetou Film aber wurde daraus eine Debatte über Karl May. Also man konnte zuschauen, wie das immer weiter entgrenzt wurde."

Er rät, dieser überhitzten Debatte mit Aufmerksamkeitsentzug zu begegnen. "Ich glaube, kritisches Ignorieren, einfach mal sein lassen, einfach mal links liegen lassen, ist äußerst wichtig." 

Buchtipp

Adrian Daub: Cancel Culture Transfer
Wie eine moralische Panik die Welt erfasst
edition suhrkamp 2022, Preis: 20 Euro

Autor des TV-Beitrags: Max Burk

Die komplette Sendung steht am 18. Dezember ab 20 Uhr zum Abruf in der Mediathek bereit.

Stand: 18.12.2022 16:33 Uhr

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