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Von der Boxerin zur Schriftstellerin

Aya Cissokos familiäre Spurensuche

PlayDie Schriftstellerin Aya Cissoko
Von der Boxerin zur Schriftstellerin | Video verfügbar bis 19.03.2024 | Bild: WDR

Das Boxen war ihre Rettung: Aya Cissoko, aufgewachsen unter schwierigen Bedingungen im Pariser Migrantenmilieu, kämpfte sich frei und ist heute eine erfolgreiche Schriftstellerin. Anfang April erscheint ihr drittes Buch "Kein Kind von Nichts und Niemand" im Wunderhorn-Verlag. ttt. hat die Autorin in Paris getroffen.

Schwierige Anfänge

Aya Cissoko wurde 1978 als Kind malischer Eltern in Paris geboren. Sie war gerade acht Jahre alt, als die Wohnung der Familie nach einem Brandanschlag in Flammen aufging. Das Mädchen musste zusehen, wie ihr Vater und ihre Schwester verbrannten. Für die Familie änderte sich das Leben von Grund auf. Während Mutter Massiré Tag und Nacht arbeitete, um Aya und ihren Bruder als Alleinerziehende durchzubringen, verwandelte sich Ayas Trauer in unbändige Wut. Sie rebellierte gegen die afrikanischen Traditionen und die französische Assimilationspolitik, widersetzte sich ihren Lehrern und wurde von der Schule verwiesen. Erst im Boxen fand sie einen Weg, ihren Zorn zu kanalisieren. "Es ist ein Sport, den ich dringend brauchte", sagt sie. "Als Kind hatte ich diese große Wut in mir, und ich hatte gute Gründe. Ich hatte noch nicht die Worte, um die Wut auszudrücken. Ich war total wehrlos, diesen Schmerz auszudrücken, diese Ungerechtigkeit." Und sie war so gut, dass sie es ganz an die Spitze schaffte. Zweimal wurde sie Weltmeisterin im Kickboxen, 2006 Amateur-Boxweltmeisterin.

Ein Bruch der Wirbelsäule zwang sie, ihre Karriere zu beenden. Sie studierte Politikwissenschaft an einer Elite-Hochschule und schrieb gemeinsam mit ihrer Co-Autorin Marie Desplechin ihr erstes Buch "danbé", das 2011 erschien und unter dem Titel "Wohin ich gehe" verfilmt wurde. In ihrem zweiten Buch "n’ba" (auf Deutsch unter dem Titel "Ma" veröffentlicht) erzählt sie die Emanzipationsgeschichte ihrer Mutter. "Ma ist meine Heldin geworden", sagt Aya Cissoko. "Sie hat gelitten, ohne zu verbittern."

Auf Spurensuche

Erfolgreiche Boxerin
Erfolgreiche Boxerin | Bild: WDR

Auch in ihrem neuen Buch "Kein Kind von Nichts und Niemand" begibt sich Aya Cissoko auf Spurensuche. Geschrieben hat sie es als Brief an ihre Tochter. "Kein Kind von Nichts und Niemand – dieser Satz stammt von meiner Mutter, die mir immer eintrichterte: Du bist kein Kind von Niemandem, du bist Teil einer langen Ahnenreihe. Auch ich wollte, dass mein Kind erfährt, woher es kommt. Vor allem, weil diese Geschichten bisher fast nicht erzählt worden sind." Mit scharfem Blick analysiert sie die sozialen Diskriminierungen, beschreibt den tief in der Gesellschaft verwurzelten Rassismus und die Folgen der nach wie vor strikten Klassenunterschiede.

Am Beispiel ihrer eigenen Familie geht sie der Frage nach, wie sich das Leben ihrer Generation von dem ihrer Eltern unterscheidet, die als Analphabeten in den 1970er Jahren aus Mali nach Frankreich kamen. Und sie führt uns noch weiter zurück in die Geschichte, erzählt von ihren Vorfahren, die Krieger aus dem Stamm der Bambara waren und gegen die Kolonialisierung kämpften. Der Vater ihrer Tochter stammt aus einer Familie aschkenasischer Juden, die Auschwitz überlebt haben. 

"Neue Stimme in der Geschichtsschreibung"

"Kein Kind von Nichts und Niemand" ist ein außergewöhnliches Buch, das all jenen eine Stimme gibt, die noch immer durch Diskriminierung unsichtbar gemacht werden und oft zum Schweigen verdammt sind. "Dass wir angeblich in einer postkolonialen Gesellschaft leben, das ist schlicht Augenwischerei", sagt Aya Cissoko. "Ich möchte als Schriftstellerin einen Beitrag leisten, unsere individuellen Geschichten auszudrücken, Worte dafür zu finden, was unser Leben ist, und so eine neue Stimme in die Geschichtsschreibung zu bringen."

Buchtipp

Aya Cissoko: Kein Kind von Nichts und Niemand.
Wunderhorn Verlag 2023, Preis: 22 Euro
(Erscheint am 11. April 2023)

Autorin des TV-Beitrags: Brigitte Kleine

Die komplette Sendung steht am 19. März ab 20 Uhr zum Abruf in der Mediathek bereit.

Stand: 19.03.2023 18:46 Uhr

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