SENDETERMIN So, 19.05.19 | 23:05 Uhr

Erst schießen, dann reden

Wie in Bolsonaros Brasilien Bildung und Kultur verramscht werden

PlayIndigene protestieren in Brasilia gegen Bolsonaros Politik
Kulturverfall in Bolsonaros Brasilien | Video verfügbar bis 19.05.2020 | Bild: dpa / José Cruz

Seit dem 1. Januar 2019 ist Jair Bolsonaro Präsident Brasiliens – viereinhalb Monate, in denen er mit großem Tempo umsetzt, was er angekündigt hat: Der rechtsradikale Politiker und ehemalige Armee-Hauptmann will Brasilien wieder zu dem machen, "was es vor 40, 50 Jahren einmal war". Damals – zwischen 1964 und 1985 – war Brasilien eine Militärdiktatur.

Bolsonaro hat sich die Bekämpfung von Gewalt und Bandenkriminalität auf die Fahnen geschrieben. Erst vor wenigen Tagen hat er ein neues Waffengesetz erlassen, das die Regelungen für den Besitz und das Tragen von Waffen lockert. Er bekämpft aber auch Linke, Feministinnen, Schwarze, Indigene, Homosexuelle – und alle, die er für "Schmarotzer des Systems" hält. So nennt er Künstler und Kulturschaffende, die nicht seiner Vorstellung von "brasilianischer" Moral und Ästhetik entsprechen. ttt hat in Berlin den Intellektuellen Luiz Ruffato gesprochen und in Rio de Janeiro den Schriftsteller Geovani Martins sowie die Anthropologin Renata Valente getroffen.

Auf dem Weg in den Totalitarismus

Luiz Ruffato
Luiz Ruffato | Bild: WDR

Luiz Ruffato, 58 Jahre alt, gehört zu den wichtigsten Gegenwartsautoren Brasiliens. In seinem fünfbändigen Romanzyklus "Vorläufige Hölle" erzählt er die Geschichte seines Landes aus Sicht der Arbeiter bis zum Beginn der Präsidentschaft von Lula da Silva im Jahr 2003. Auf Deutsch ist gerade der vierte Band "Das Buch der Unmöglichkeiten" erschienen.

Schon lange vor der Wahl hat Luiz Ruffato vor dem Zerfall der Demokratie und dem Bankrott der Kultur gewarnt. Nun sieht er sich seine Befürchtungen bestätigt. "Die Regierung Bolsonaro, da bin ich sicher, liebäugelt mit dem Totalitarismus. Bolsonaros Entscheidungen zeigen genau das: eine profunde Verachtung für den Rechtsstaat, für das geltende Recht. Und das sind für mich Anzeichen und Hinweise auf einen solchen Faschismus des 21. Jahrhunderts."

Kulturkampf in Brasilien

Dazu zählt für ihn auch Bolsonaros Angriff auf die Kultur. Der Präsident diffamiert unliebsame Künstler, streicht staatliche Förderungen und leitet private Sponsorengelder auf Projekte um, die ihm genehm sind. Eine seiner ersten Amtshandlungen war die Abschaffung des Kulturministeriums im Januar 2019. "Ein Land mit einem Präsidenten, der eine fundamentale Verachtung für die Intellektuellen hegt, gegen die Kultur an sich, dieses Land wird der Barbarei verfallen. Und dazu gehört der religiöse, der evangelikale Fundamentalismus, der das Gegenteil von allem ist, was wir unter Kultur verstehen."

Favelas im Visier

Blick auf die Favelas von Rio de Janeiro
Blick auf die Favelas von Rio de Janeiro | Bild: WDR

Besonders im Visier hat Jair Bolsonaro die Armenviertel in Brasiliens Metropolen, obwohl ihm viele Bewohner der Favelas ihre Stimme gegeben haben. Zu seinem "harten Durchgreifen" gehören auch Polizeieinsätze, bei denen Unschuldige getötet werden. "Erst schießen, dann reden", lautet Bolsonaros Devise. Kein Wunder, dass in den letzten Monaten die Polizeigewalt in den Slums explodiert ist.

Wie der Alltag in den Favelas aussieht, weiß der junge Schriftsteller Geovani Martins aus eigener Anschauung. 1991 in Rio de Janeiro geboren, besuchte er vier Jahre lang die Schule und arbeitete danach als Plakatträger und Kellner in einem Standzelt für Kinder. Seine 2018 erschienenen Erzählungen aus den Favelas waren in Brasilien ein Sensationserfolg. Jetzt ist der Band unter dem Titel "Aus dem Schatten" auf Deutsch erschienen.

Herrschaft der Gewalt

Geovani Martins
Geovani Martins  | Bild: WDR

"Wir haben eine sehr schwierige Zeit vor uns", sagt Geovani Martins. "Eine gewalttätige Regierung wird die Polizei dazu legitimieren, immer gewalttätiger zu werden. Sie werden Gewalt gegen die Kultur anwenden: Die Filmförderung wird zusammengestrichen. Mittel für Bildung und Unis werden noch weiter zusammengestrichen. Erziehung und Kultur werden kassiert. Und das wird das Leben aller Brasilianer betreffen."

Aufruf zum Widerstand

Doch nicht alle nehmen alles hin. Im April haben Tausende Ureinwohner in Brasilia gegen Bolsonaro protestiert. Sie kämpfen für den Erhalt des Regenwaldes, ihre Lebensgrundlage, die der Präsident zur Abholzung freigeben will. "Das war hoffentlich nur der Anfang des Widerstands gegen die erschreckende Gewalt, die jetzt gegen unsere Ureinwohner angewendet wird", sagt Renata Valente. " Die Anthropologin arbeitet im Museu do Indio, das sich der Geschichte und Kultur der Indigenen widmet. "Wir müssen und wollen jetzt auf die Straße gehen, zusammenkommen. Denn die Demontage dessen, wofür wir kämpfen wollen, betrifft alles und alle. Wir müssen beide Augen im Schlaf offenhalten, denn was sich jetzt hier abspielt, ist ein Massaker."

Buchtipps

Luiz Ruffato: Das Buch der Unmöglichkeiten.
Assoziation A 2019, Preis: 18 Euro

Geovani Martins: Aus dem Schatten.
Erzählungen
Suhrkamp 2019, Preis: 18 Euro

Autor des TV-Beitrags: Andreas Lueg

Stand: 19.05.2019 15:27 Uhr

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