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Unser Antisemitismus

Warum der Judenhass fortbesteht

PlayBlumen und Kerzen vor der Synagoge in Halle
Unser Antisemitismus - Warum der Judenhass fortbesteht | Video verfügbar bis 20.06.2022 | Bild: dpa-Bildfunk / Hendrik Schmidt

Sie sind längst keine Einzelfälle mehr: die Angriffe auf Juden, Beleidigungen, Beschimpfungen und Ausgrenzungen. Allein für das Jahr 2020 verzeichnet die Statistik 2351 antisemitischen Straftaten – die höchste Zahl seit Beginn der Erfassung vor zwanzig Jahren. Und als vor wenigen Wochen der israelisch-palästinensische Konflikt eskalierte, brannten in Deutschland Israel-Fahnen, wurden Synagogen mit Steinen beworfen und Denkmäler geschändet. Kein Zweifel: der Antisemitismus nimmt zu. Das belegen nicht nur die amtlichen Statistiken, sondern auch zahlreiche jüdische und nichtjüdische Institutionen, die die Entwicklung beobachten. ttt hat mit dem Historiker Peter Longerich und den Autoren Eva Gruberová und Helmut Zeller über die Ursachen gesprochen.

Kein normales Leben

Eva Gruberová und Helmut Zeller
Eva Gruberová und Helmut Zeller | Bild: WDR

Judenhass ist tief in der Gesellschaft verwurzelt, sagen Eva Gruberová und Helmut Zeller. Die beiden leben in Dachau. Eva Gruberová arbeitet als Referentin für die KZ-Gedenkstätte Dachau. Für ihr Buch "Diagnose: Judenhass" sind sie quer durch Deutschland gereist – von Rostock über Berlin bis Dortmund und nach München, mit einem Abstecher nach Wien – und haben mit 80 Jüdinnen und Juden gesprochen. Ihr schockierendes Fazit: Jüdische Menschen können hierzulande kein normales Leben führen. Sie alle erleben im Alltag Übergriffe und Anfeindungen. Und das nicht nur von Rechtsextremen, sondern auch aus der sogenannten bürgerlichen Mitte. "Es fehlt ein Problembewusstsein, dass Antisemitismus nicht nur Jüdinnen und Juden betrifft, sondern uns alle", sagt Helmut Zeller. Und Eva Gruberová ergänzt: "Das Hauptproblem liegt darin, dass es hier ein sehr großes Wahrnehmungsproblem gibt. Was ist eigentlich Antisemitismus? Das wollten wir irgendwie zur Sprache bringen, dass wir auf die Stimmen von Jüdinnen und Juden hören sollen, weil sie ganz genau wissen, was Antisemitismus ist. Sie haben die Deutungshoheit über die Definition, nicht wir Nicht-Juden."

Antisemitismus und deutsche Nation

Peter Longerich im Porträt
Der Historiker Peter Longerich | Bild: WDR

Der Historiker Peter Longerich, ausgewiesener Kenner des Nationalsozialismus und Direktor des "Research Centre for the Holocaust and Twentieth-Century History" der Universität London, zeichnet in seinem neuen Buch die Geschichte des deutschen Antisemitismus von der Aufklärung bis heute nach. Seine gut belegte These: Der Antisemitismus ist eng mit der Nationwerdung der Deutschen verbunden. Die besondere deutsche Ausprägung des Judenhasses begann Ende des 18. Jahrhunderts – und zwar als Gegenbewegung zur damals beginnenden "Judenemanzipation". "Der Antisemitismus ist so etwas wie die negative Seite einer misslungenen deutschen Identitätsbildung", sagt er. Seit der Aufklärung habe sich eine Vorstellung vom Deutschtum herausgebildet, in der Juden keinen Platz hatten.

Bekämpfung des Antisemitismus

Es ist gerade diese Verbindung zwischen deutschem Selbstbild und Judenhass, die über die Jahrhunderte bis heute nachwirkt. "Der Antisemitismus ist natürlich nach 1950 nicht verschwunden. Es gab eine große Zahl radikaler Antisemiten in der Gesellschaft. Und die haben das natürlich auch weitergereicht an ihre Kinder, an die nächste Generation. Wir wissen im Grunde genommen nicht genau, wie dieses Weiterreichen des Antisemitismus in unserer Gesellschaft funktioniert. Das liegt auch daran, dass wir den Antisemitismus öffentlich tabuisieren."

Möglicherweise ist das eine Erklärung dafür, warum der Antisemitismus trotz enormer Bildungs- und Aufklärungsbemühungen in Deutschland fortbesteht. "In Schulbüchern kommen Juden eigentlich dann vor, wenn es um Konflikte geht", sagt Peter Longerich. "Und bei den Schülern könnte der Eindruck entstehen, dass Juden irgendwie so eine merkwürdige Minderheit sind, die einfach immer wieder für Ärger sorgen, an denen sich immer wieder irgendwelcher Streit entzündet." Es fehle das Bewusstsein, dass es sich um ein "historisch tief verwurzeltes Phänomen des Ressentiments" handelt. "Und wenn man jetzt wirklich ernsthaft herangehen würde, dieses Phänomen zu bekämpfen, dann wären Anstrengungen erforderlich in der Größe einer Pandemie-Bekämpfung. Und das ist keine Untertreibung."

Buchtipps

Peter Longerich: Antisemitismus. Eine deutsche Geschichte.
Von der Aufklärung bis heute.
Siedler Verlag 2021, Preis: 34 Euro

Eva Gruberová, Helmut Zeller: Diagnose: Judenhass.
Die Wiederkehr einer deutschen Krankheit.
Beck Verlag 2021, Preis: 16,95 Euro

Autorin des TV-Beitrags: Claudia Kuhland

Die komplette Sendung steht am 20. Juni ab 20 Uhr zum Abruf in der Mediathek bereit.

Stand: 20.06.2021 19:17 Uhr

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